Real Humans / Humans

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Seit dem 14. Juni zeigt der britische Sender Channel 4 die Serie "Humans". Humans? Da müsste doch was bei Ihnen klingeln, wenn Sie ab und zu auf ARTE vorbeischauen, oder? Aber Achtung: Es handelt sich dabei nicht um "Real Humans", die schwedische Serie, in der die Welt von Haushaltsrobotern bevölkert wird, sondern um ihr anglo-amerikanisches Remake.

Amerikanisch deshalb, weil der US-Sender AMC an den Produktionskosten der Serie beteiligt ist. Während Humans in den USA allerdings eher verhalten aufgenommen wird, hat sich die Serie in Großbritannien zum größten Quotenerfolg seit 20 Jahren gemausert. Doch wer ist überzeugender: die schwedischen Hubots oder die anglo-amerikanischen Synths? Denn nicht nur die Bezeichnungen sind in den beiden Serien unterschiedlich.

Wenn es in erster Linie darum ginge, ein Serien-Remake zu drehen, dessen Erfolg den des Originals übertrifft, hätte Humans gar keine schlechten Karten. Die anglo-amerikanische Serie wird von den Kritikern hoch gelobt und kommt auch beim Publikum gut an. Allerdings darf man dabei nicht vergessen, dass die Serie höchstwahrscheinlich von dem Hype profitiert, den das schwedische Original bei seiner Erstausstrahlung 2012 auslöste.

Der Hauptgrund dafür, sich ein Remake anzuschauen (wenn es überhaupt einen gibt), liegt in der unterschiedlichen Aufbereitung des Stoffes durch die Drehbuchautoren. Homeland machte aus dem Psycho-Drama Hatufim eine paranoide Spionagestory. Welche Veränderungen haben Sam Vincent und Jonathan Brackley also am Originaldrehbuch von Lars Lundström vorgenommen? Einige. Doch um es gleich zu sagen: Auch wenn es deutliche Abweichungen gibt, auf die ich nachfolgend eingehen werde, unterscheidet sich die erste Folge von Humans so gut wir gar nicht vom Original.

Familie Hawkins vs. Familie Engman

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Werfen wir zunächst einmal einen Blick auf die Zahlen: Während in Real Humans 29,8 % des Plots auf die Familie Engman entfallen, drehen sich in Humans ganze 47,3 % der Handlung um die Familie Hawkins. Schon bei meiner vergleichenden Analyse der französischen Serie The Returned mit ihrem US-amerikanischen Remake hatte ich darauf hingewiesen, wie die Neufassung einer Serie zu Lasten der gleichberechtigten Darstellung einzelner Figuren gehen kann. Das ist hier nicht anders.
Einer der ersten Gründe, der einem hierfür in den Sinn kommt, ist die unterschiedliche Spielzeit: Während die Pilotfolge von Real Humans 58 Minuten dauert, ist die erste Folge von Humans schon nach 45 Minuten vorbei. Angesichts der fehlenden Viertelstunde erscheint es schwierig, sämtliche Facetten der Handlung einfließen zu lassen. Und doch ist der Grund für die Veränderung ein anderer. Betrachtet man nämlich die absolute Spielzeit, verwendet das Drehbuch des Remakes deutlich mehr Zeit auf das Schicksal der Familie Hawkins (21 Minuten und 15 Sekunden) als das Originaldrehbuch auf das Schicksal der Familie Engman (17 Minuten und 19 Sekunden). Offenbar handelt es sich hier um eine redaktionelle Entscheidung, die schon in der allerersten Folge der anglo-amerikanischen Serie deutlich wird.

 

Anita

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Anders als die schwedische Serienvorlage verzichtet die Pilotfolge von Humans auf jeglichen politischen Aspekt. Dabei bezog sich der schwedische Originaltitel "Äkta Människor", was so viel bedeutet wie „Echte Menschen“ (daher auch der englische Serientitel "Real Humans"), auf den Namen einer rechtsextremen Partei, die menschenähnliche Roboter mit allen Mitteln zu bekämpfen sucht. Humans dagegen konzentriert sich in der Pilotfolge eher auf die zwischenmenschlichen Aspekte und stellt Familie Hawkins bereits in der 2. Minute vor, während Familie Engman im schwedischen Original erst nach fast 9 Minuten in Erscheinung tritt. Da hat der Zuschauer bereits eine längere Action-Sequenz hinter sich, in der Leo, Anita (bzw. Mimi), Niska und ihre Gruppe vorgestellt werden. Doch warum eine solche Eile in der anglo-amerikanischen Serie? Ganz einfach: Um Anita möglichst rasch in die Handlung einzuführen.
Familie Hawkins startet den Roboter relativ früh (nach 3 Minuten und 39 Sekunden), während sich Familie Engman fast eine halbe Stunde länger Zeit lässt (nach 33 Minuten und 43 Sekunden). Auf diese Weise wird die gesamte Anita-Problematik und die Art und Weise, wie sie mit Eltern und Kindern interagiert, anhand der Szenen im Hause Hawkins vermittelt.

Thematischer Schwerpunkt

Man könnte dies als angelsächsische Effizienz bezeichnen, doch es liegt auch ein Risiko in dieser Vorgehensweise: Da die Familie vor der Ankunft des Synth nicht wirklich vorgestellt wird, lässt sich auch nicht so gut veranschaulichen, warum er überhaupt angeschafft wurde. In der schwedischen Serie sind es die Verzweiflung des Vaters und eine Beförderung (ursprünglich soll der Hubot sich um den Großvater kümmern), die ihn zum Kauf eines Hubot bewegen. Bis dahin sind bereits vier Szenen mit einer Gesamtlänge von 7 Minuten und 31 Sekunden verstrichen. In der anglo-amerikanischen Serie muss eine einminütige Szene ausreichen, um die Verzweiflung des Vaters zu schildern, die ihn zu der Anschaffung treibt.

Humans legt damit ein deutlich größeres Gewicht auf die Integration des Androiden in den Haushalt als auf die eigentliche Entscheidung, einen Roboter in die Familie aufzunehmen. Durch diese Abwandlung des Drehbuchs verschiebt sich selbstverständlich auch der thematische Schwerpunkt der Serie. Der Pilotfilm der anglo-amerikanischen Serie konzentriert sich stärker auf das Hier und Jetzt, während die schwedische Serie sich eher mit den gesellschaftlichen Umwälzungen auseinandersetzt, die durch die dargestellten Entwicklungen ausgelöst werden – wobei nicht ausgeschlossen ist, dass Humans in späteren Folgen ebenfalls auf diesen Aspekt eingehen wird.

George vs. Lennart

Ein Handlungsstrang, der sich unverändert entwickelt, betrifft die Figur George Millican. Der ältere Herr erlebt das Gleiche wie Inger Engmans Vater Lennart, wobei in dem anglo-amerikanischen Pilotfilm nichts darauf hinweist, dass George und Laura Hawkins miteinander verwandt sind. Auch hier liegt der Schwerpunkt ausschließlich auf dem Alltag des Mannes. Beide Handlungsstränge nehmen in den jeweiligen Serien ungefähr den gleichen Raum ein: 18,7 % der Sendezeit in der Pilotfolge von Humans und 17,3 % in der Pilotfolge von Real Humans.

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Odi, der in beiden Serien den gleichen Namen trägt, funtioniert nicht mehr richtig. Eine Sozialarbeiterin schlägt George vor, sich einen fortschrittlicheren Synth zuzulegen – Vera, die ihren Namen in der anglo-amerikanischen Serie ebenfalls behalten hat. Die Szenen sind fast identisch, bis auf das kleine aber entscheidende Detail, dass George eine Vorliebe für Aprikosenkonfitüre hat, während Lennart in der schwedischen Serie Himbeerkonfitüre bevorzugt. Diese Änderung kann nur einen Grund haben: Als Odi nämlich im Supermarkt inmitten von Marmeladegläsern zusammenbricht, spielt die schwedische Serie mit der roten Farbe der Himbeerkonfitüre, die wie Blut aussieht. Auf diese Weise wird der Hubot vermenschlicht – und auch die Reaktion der Menschen um ihn herum, also Lennart, wird menschlicher. Humans verzichtet auf diesen durchaus gelungenen dramaturgischen Kniff der Originalserie.
Die Drehbuchautoren von Humans behandeln die Geschichte um George weitgehend losgelöst von dem Handlungsstrang der Familie, flechten allerdings einen höchst willkommenen Aspekt mit ein: Um George davon zu überzeugen, den Synth Vera anzuschaffen, erklärt ihm die Sozialarbeiterin, dass die Regierung bereits den Auftrag zur Herstellung von 500 000 Haushaltsrobotern erteilt hat. Dies ist einer der seltenen politischen Momente in dem anglo-amerikanischen Pilotfilm und verdient durchaus eine positive Hervorhebung.

Pete vs. Roger

 In der schwedischen Serie steht die Figur Roger Larsson für die sozialen Verwerfungen, die sich durch den Einsatz von Hubots ergeben. In Humans taucht Roger nicht mehr auf, sondern ist offenbar in der Figur des Ermittlers Pete Drummond der Special Technologies Task Force aufgegangen.
Während Roger in Real Humans 8 Minuten und 10 Sekunden Sendezeit in Anspruch nimmt, ist Pete Drummond im anglo-amerikanischen Pilotfilm nur in zwei Szenen zu sehen, insgesamt 2 Minuten und 6 Sekunden lang. Das genügt nicht, um sich ein umfassendes Bild von den Gewissensnöten der Figur machen zu können. So heißt es abwarten, wie sich die Figur in den weiteren Folgen entwickelt.

 

Die Gruppe freier Hubots vs. Leo

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Natürlich gibt es in der anglo-amerikanischen Serie auch freie Androiden, die sich gegen die herrschenden Zustände aufgelehnt haben. Wie in Real Humans werden sie von Leo angeführt, einem Menschen (fast) wie die anderen. Seine Weggefährten dagegen sind Roboter mit eigenen kognitiven und emotionalen Fähigkeiten, was aus ihnen Wesen mit eigener Persönlichkeit machen, die vor dem Gesetz nur schwer von Menschen unterschieden werden können.
In Real Humans verfolgen die Zuschauer die Flucht der Gruppe über einen geraumen Teil der Staffel und natürlich im Pilotfilm (8 Minuten und 47 Sekunden). In Humans wird die Gruppe gleich in der ersten Szene, in der sie auftaucht, auseinandergerissen. Den Rest der Folge liegt das Augenmerk ausschließlich auf Leo, der sich auf die Suche nach seinen Freunden macht. Entsprechend mehr Zeit (6 Minuten und 48 Sekunden) widmet der Pilotfilm von Humans der Figur Leo, während sich im Serienpiloten von Real Humans nur 5 Minuten und 8 Sekunden der Handlung um ihn drehen. Womöglich ist ihm ein anderes Schicksal beschieden als in der schwedischen Serie. Niska, die brünette Anführerin der Androiden in Real Humans, ist in Humans übrigens erblondet.

Visuelle Umsetzung

Hier stellt Humans den Zuschauer vor eine echte Herausforderung. Zunächst einmal im Hinblick auf das Ausehen der Synths, denn mit Ausnahme ihrer ungewöhnlich farbintensiven Augen unterscheiden sich die Androiden in der anglo-amerikanischen Serie so gut wie gar nicht von den Menschen. Das sorgt in erster Linie für ein Glaubwürdigkeitsproblem sowohl technischer als auch inhaltlicher Natur (würden die Menschen sich wirklich Roboter anschaffen, die sich nicht von anderen Menschen unterscheiden lassen?) – vor allem angesichts der Tatsache, dass die Serie im Pilotfilm mit allen Mitteln den Anschein erwecken will, dass das dargestellte Szenario real sein könnte.
Das merkt man unter anderem in der Szene, als Anita initialisiert wird und in der den Konfigurationsschritten deutlich mehr Aufmerksamkeit geschenkt wird als in Real Humans, aber auch als am Ende der Folge ein Experte in einer Fernsehsendung Details über technische Spezifikationen wie die asimov’sche Blockierung verrät, die sich auf die Robotergesetze des US-amerikanischen Schriftstellers beziehen und in Real Humans nicht auftauchen. Ein weiteres Fragezeichen wirft die Inszenierung auf, wie in der Szene mit Odi und der Konfitüre bereits kurz angerissen wurde. Humans gelingt es hier nicht, eigene Maßstäbe zu setzen, während Real Humans mit eigenen Bild- und Lichtideen aufwartete und dem Drehbuch dank sorgfältig gewählter Einstellungen zusätzliches Gewicht verlieh. Zum Beispiel in der Szene, als Anita von Inger bei Familie Engman entdeckt wird. Die Einstellungen sind deutlich liebevoller gewählt als in der anglo-amerikanischen Serie.

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Das erkennt man auch in der Szene, als Anita ihr erstes Frühstück bereitet. Während sie in der anglo-amerikanischen Fassung sehr banal daherkommt, besticht die schwedische Version durch Einstellungen, die beim Zuschauer unmittelbare Assoziationen und Emotionen wecken.
Der Pilotfilm zu Humans ist durchgängig unspektakulär umgesetzt. Die Kamera gibt sich keinerlei Mühe, das Drehbuch besonders zu unterstützen, obwohl es für das Remake eigens umgeschrieben zu sein scheint.

Musik

Hier kann Humans gegenüber Real Humans wirklich punkten. Die schwedische Serie beschränkte sich musikalisch auf das absolut Notwendige, und der Soundtrack hätte auf jede beliebige Krimiserie gepasst. Bei Humans dagegen vertraute man sich dem Komponisten Cristobal Tapia de Veer an, den die meisten sicherlich nicht vom Namen her kennen, der aber die Musik zu beiden Staffeln der in Großbritannien gedrehten psychedelischen Serie Utopia geschrieben hat. Er gilt als eines der hoffnungsvollsten Talente unserer Zeit, und man sollte ihn auf jeden Fall im Auge behalten. Die Musik zu Humans kann in meinen Augen der Musik einer meiner Lieblingsserien durchaus das Wasser reichen: Mr. Robot, über die ich erst kürzlich geschrieben habe. Man spürt hier wie auch in Humans den deutlichen Einfluss der Zusammenarbeit zwischen Trent Reznor und Atticus Ross für den Film The Social Network.

Manuel Raynaud