die Sprache

die Sprache: die Fabeln von Jean de La Fontaine

Karambolage 440 - 09. September 2017
Wissen Sie, wer die Geschichte vom Raben und dem Fuchs geschrieben hat? Leslie Ménahem hilft uns nun auf die Sprünge und erklärt uns, warum die Fabeln von Jean de La Fontaine in Frankreich in aller Munde sind.
Karambolage 440 - les fables de Jean de La Fontaine
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Wieder mal in Eile, remple ich einen älteren Herrn an. Noch bevor ich eine Entschuldigung stammeln kann, sagt er: „Es nützt uns nicht der schnellste Lauf, bricht man zur rechten Zeit nicht auf”. Wir sind uns einig. Ich renne, stolpere und verspäte mich… Also bin ich ein schneller, oberflächlicher Hase. Er ist eine langsame, weise Schildkröte.
Ein Franzose erkennt sofort die Anspielung auf die Fabel von Jean de La Fontaine.

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Denn alle Franzosen haben sie, genau wie „Der Rabe und der Fuchs” oder „Die Grille und die Ameise” auswendig lernen müssen. Für mich war es das erste Gedicht in der Schule. Für den alten Herrn bestimmt auch! Und für Generationen von französischen Kindern vor ihm, bis hin zu König Ludwig von Frankreich, dem ältesten Sohn von Ludwig XIV. Ihm waren die Fabeln nämlich gewidmet, als sie 1668 erschienen. In den Fabeln erleben Tiere einfache, lustige, manchmal aber auch grausame Abenteuer. Ideal für 7 bis 8-jährige. Die Sinnsprüche, mit denen sie schließen, sind so pointiert, dass sie in die Umgangssprache eingegangen sind.

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Sind die Fabeln also nur nette Kindergeschichten? Nein, sie sind viel mehr. Denn sie sehen die Welt nicht mit Kinderaugen, im Gegenteil: Sie werfen einen zynischen Blick auf sie. Die Starken gewinnen praktisch immer gegen die Schwachen und die Naiven... Der Wolf bringt das wunderbar auf den Punkt: „Das Argument des Stärksten ist immer das Beste”. Schon der Philosoph Jean-Jacques Rousseau erkannte den unmoralischen Aspekt dieser Fabeln und fand es unerhört, dass man so etwas Kindern vorsetzte.

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Man muss dazu sagen, dass Jean de La Fontaine triftige Gründe für seine pessimistische Weltsicht hatte. Sein Gönner, der allmächtige Finanzminister Nicolas Fouquet, fiel von einem Tag auf den anderen in Ungnade und landete im Gefängnis, weil Ludwig der XIV ihn um seinen Reichtum beneidete. Alle Freunde wandten sich von Fouquet ab. La Fontaine war einer der letzten, der noch zu ihm hielt. Deshalb wettert unser Dichter gegen Charakterschwäche, Heuchelei, Leichtsinn, Hochmut, kurz, alle Laster der Menschheit.

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Das erklärt aber nicht die riesige Resonanz, derer sich seine Fabeln seit dreieinhalb Jahrhunderten erfreuen. Sie haben nämlich etwas, das sie nicht nur in der Grundschule, sondern auch im Gymnasium und an der Uni lesenswert macht. Etwas, das uns die endlos heruntergeleierten Fabeln unserer Kindheit in einem anderen Licht erscheinen lässt. Leider bleibt diese Besonderheit allen, die der französischen Sprache nicht mächtig sind, verborgen. Die Fabeln sind ein Meisterwerk der französischen Dichtkunst. Dem Anschein nach einfach und kindgerecht, handelt es sich in Wirklichkeit um hohe Kunst: Das Versmaß, der Rhythmus, die Reime, die Reinheit ihrer Sprache und vor allem ihre Kürze. Und die kürzesten Werke sind ja bekanntlich die besten. Wer hat das noch einmal gesagt? Tja, ich glaube fast, das war Jean de La Fontaine!

Text: Leslie Menahem
Bild: Cédric Villain