die Schrift

die Schrift: die Fraktur 1

Karambolage 346 - 30 novembre 2014


Wenn Sie "Asterix und die Goten" gelesen haben, erinnern Sie sich vielleicht, dass dort alle Äußerungen der Goten in einer anderen Schrift gesetzt sind als die der Gallier. Und zwar in dieser spitzen, altdeutschen Schrift. Erst seit etwa 70 Jahren gilt in Deutschland nämlich offiziell die Schrift, die den Franzosen schon seit Jahrhunderten geläufig ist, die Antiqua, die Sie alle kennen. Die Schriften in unseren beiden Ländern haben sich nämlich unterschiedlich entwickelt: Im 15. Jahrhundert ist die Gotik noch der vorherrschende Stil in ganz Europa. In der Typographie drückt sich dieser Stil mit seinen charakteristischen Spitzbögen in den sogenannten gebrochenen Schriften aus. Gebrochen heißen sie wegen der abrupten Richtungswechsel, die zu Knicken beziehungsweise Brüchen im Schriftbild führen. Gegen 1450 erfindet Johannes Gutenberg den Buchdruck in Mainz. Die erste Bibel wird in lateinischer Sprache gedruckt, in gothischen Lettern. Ab dem 16. Jahrhundert kommt dann mit der Renaissance und dem Humanismus aus Italien eine neue Schrift auf. Kurioserweise heißt sie Antiqua, was im Lateinischen "alt" bedeutet. Diese neue Schrift bezieht sich nämlich – wie die Renaissance im Allgemeinen – auf die Antike und diente zunächst der Neuauflage klassischer Texte. Die Antiqua hat im Gegensatz zur Fraktur runde Bögen, schauen Sie. Schnell wird sie zur Standardschrift für alle romanischen Sprachen, die sich aus dem Latein entwickelt hatten, und damit auch für das Französische. In Deutschland wurde wie gesagt die Bibel in der Übersetzung von Martin Luther in gebrochener Schrift gedruckt und diese Bibel wird im 16. Jahrhundert weit verbreitet. So vergrößern unterschiedliche Schriften die Kluft zwischen dem katholischen und Antiqua-geprägten Frankreich einerseits und Deutschland unter Einfluss der Reformation mit gebrochener Schrift andererseits.

Aus den gebrochenen Schriften entsteht dann Anfang des 16. Jahrhunderts am Hof des deutschen Kaisers Maximilian I. die Fraktur im engeren Sinne, also wie wir sie heute kennen. Vor allem deutsche Typographen verwenden die neue Frakturschrift, und zwar wenn sie deutsche Texte drucken. Bei lateinischen oder fremdsprachigen Texten hingegen verwenden sie die in den anderen Ländern übliche Antiqua-Schrift. Deutschland hat also zwei Schriftarten: Ein Sonderfall in Europa, über den man sich schon damals zu streiten beginnt, vor allem weil mit der Auklärung und der Französischen Revolution das Interesse an ausländischer Literatur wächst, die in Antiqua gesetzt ist. Ein Höhepunkt des Fraktur-Antiqua-Streits ist 1806 erreicht, als Napoleon mit seinen Truppen das Rheinland besetzt und die meisten seiner Verordnungen in lateinischer Schrift verbreitet werden. Dagegen wehren sich deutsche Nationalisten, die sich mit der Fraktur abgrenzen wollen. Aber in gebildeten adeligen und bürgerlichen Kreisen kann man ohnehin die Antiqua lesen, weil Französisch damals die internationale Diplomaten- und Gesellschaftssprache ist und die Kenntnis der Antiqua zur höheren Bildung zählt. Denken Sie nur an Friedrich den Großen, an dessen Hof man französisch sprach. Auch Goethe bevorzugt persönlich die Antiqua, lässt seine Werke aber in beiden Schriften drucken. Und die Brüder Grimm bevorzugen die lateinische Schrift, weil sie die Verbreitung deutscher Bücher im Ausland fördere. Aber ein Großteil des aufkommenden Bürgertums möchte die Einheit Deutschlands auch mit einer einheitlichen Frakturschrift erreichen. So. Nächste Woche dann der zweite und letzte Teil dieser kleinen Geschichte der deutschen Schrift im 19. und 20. Jahrhundert…

Text: Jeanette Konrad
Bild: Patrick Hepner