die Gepflogenheit: das akademische Viertel

das akademische Viertel
Luisa Jendrek ist auch Deutsche. Heute erzählt sie uns von einer deutschen Besonderheit, die die Franzosen immer etwas verwundert: das akademische Viertel.

Neulich habe ich mich mit Aurélie, meiner französischen Freundin, in einer Eisdiele getroffen. Und was musste ich mir da gleich zur Begrüßung anhören? Ich sei zu spät! Ich, als sonst so pünktliche Deutsche! Um keine Ausrede verlegen, antwortete ich: "Ja, aber ich bin doch noch im akademischen Viertel". Ich erntete nur einen fragenden Blick: "Im was bist du?"

Erklären wir unseren französischen Freunden doch, was es mit dem "akademischen Viertel" auf sich hat. In Deutschland, aber auch in Österreich, Skandinavien und der Schweiz finden die Lehrveranstaltungen an Hochschulen nicht zur angegebenen Zeit statt, sondern 15 Minuten später. Das nennt man "akademisches Viertel".

Begeben wir uns in eine Akademie, eine Universität also. Über den Campus, hinein ins Lehrgebäude, vorbei an Kaffeeautomaten und zahlreichen Studenten landen wir schließlich vorm "Schwarzen Brett". Dort hängt es, das Vorlesungsverzeichnis. Werfen wir einen Blick darauf:

Literatur im 19. Jahrhundert
Professor Doktor Schultheiss
Gebäude 13, Raum 1
Donnerstag von 11- 13 Uhr c.t.

Haben Sie die zwei kleinen Buchstaben am Ende gesehen: "c.t."? Die Lateinkundigen unter Ihnen wissen, dass das cum tempore bedeutet. Cum: mit, tempore: Zeit. Die Lehrveranstaltung beginnt hier 15 Minuten - also ein akademisches Viertel - nach der angegebenen Uhrzeit. Die Angabe "c.t." kann aber auch weggelassen werden, da die meisten Studenten die universitäre Praxis kennen. Das Kürzel s.t. bedeutet indes das Gegenteil, sine tempore, also "ohne Zeit". Der Student muss pünktlich zur Vorlesung erscheinen.

Wenn die Vorlesung c.t. beginnt, kann ein deutscher Student also um elf Uhr noch genüsslich seinen Kaffee in der Caféteria trinken, während im gleichen Moment seine ausländischen Kommilitonen, die die deutsche Sitte nicht kennen, mit ihren überschwappenden Kaffees durch die Gänge rennen, um atemlos im noch menschenleeren Vorlesungssaal anzukommen. So machen sie Bekanntschaft mit dem akademischen Viertel. Was ist aber nun der Sinn dieser zusätzlichen 15 Minuten? Der Ursprung des akademische Viertels ist in den Jesuiten-Universitäten des 17. Jahrhunderts zu suchen. Dort dienten die ersten 15 Minuten einer Vorlesung zur Rekapitulation des Lehrstoffes der letzten Sitzung.

Wer bereits selbstständig gelernt und wiederholt hatte, konnte so ungestraft eine Viertelstunde später erscheinen.Heutzutage wird das akademischen Viertel von Studierenden und Lehrenden genutzt, um eine kurze Pause einzulegen- zum Essen, Trinken, Rauchen, Plaudern und zum Raum wechseln. Im seltensten Fall aber wird sich, wie eigentlich vorgesehen, auf das darauffolgende Seminar vorbereitet. Und denjenigen, die überrascht sind von diesem Mangel an deutscher Pünktlichkeit, der allen Klischées widerspricht, denen sei gesagt, dass Veranstaltungen auch zunehmend mit einem akademischen Viertel enden: So werden statt 2 Stunden nur 1,5 Stunden aufmerksames Zuhören verlangt.

Im Übrigen erfreut sich das akademische Viertel solcher Beliebtheit, dass es sich auch auf andere Bereiche des deutschen Lebens ausweiten konnte. So kann man in Deutschland immer das akademische Viertel vorschieben, um eine Verspätung bei einem Treffen zu rechtfertigen.


Text: Luisa Jendrek

Bild: Christine Goppel & Aike Arndt