die Art und Weise

die Art und Weise: das "Eszett"

Karambolage 105 - 14. Januar 2007
Jeanette Konrad stellt uns heute eine reizende deutsche Eigenart vor, die ihr sehr am Herzen liegt und die leider vom Aussterben bedroht ist…

Hier ein kleines Rätsel für unsere französischen Freunde: Was ist das? Die Umrisse eines Schneemanns, der hinter einer Wand hervorlugt? Oder nach rechts gekippt: Eine Anspielung auf weibliche Rundungen? Das Schild einer Eisdiele in Form einer Eiswaffel? Oder ein schlecht gezeichnetes Herz? Falsch. Hören Sie lieber, es macht nämlich ein Geräusch: ßßßßßßß. Na? Eine zischende Schlange? Eine französische Cocotte-minute?


Nun, es handelt sich um eine deutsche Eigenheit. Ein Konsonant, ein S, das mit solchen wunderlichen Höckern geschrieben wird. Ein Buchstabe also! Das müssen uns die Franzosen so glauben, denn im deutschen Alphabet sucht man ihn vergeblich. Hätte er links nicht dieses Schwänzchen, könnte man ihn übrigens leicht mit einem großen B verwechseln. Man könnte auch an ein s denken, das ein anderes s auf seinen Schultern trägt. Und das stimmt ja auch irgendwo, denn das Eszett, wie der Buchstabe heißt, steht für zwei s. Wir sagen dazu auch "Scharfes S". Den kuriosen Buchstaben gibt es nur in der deutschen Sprache. Sie haben ihn sicher auch in der Grundschule liebgewonnen, nicht zuletzt wegen seines süßen Spitznamens "Buckel-S". Aber, woher kommt eigentlich dieser skurrile Buchstabe?

Früher gab es in der deutschen Schrift zwei s-Formen: das Lang-s, das in der Wortmitte stand und das sogenannte Rund-s am Ende des Wortes. Trafen das Lang- und das Rund-s zusammen, entstand daraus dieser bizarre Schnörkel, eine sogenannte Ligatur, die unserem Eszett schon sehr ähnlich sieht. Und weil sich die beiden s in der deutschen Sprache sehr häufig begegnen, bekam das Doppel-s schließlich sein eigenes Schriftzeichen: das "Eszett". Schön. Neben dieser Erklärung gibt es allerdings auch die der Gebrüder Grimm, die nicht nur Märchen erzählt haben, sondern in ihrem Wörterbuch erklären, das Eszett sei – wie der Name schon sagt – eine Zusammenziehung von s und z. Da soll noch einer durchblicken!

Wie dem auch sei, obwohl das Eszett ein sehr attraktiver Buchstabe ist, macht es uns das Leben nicht gerade leicht. Es hat zum Beispiel keinen Großbuchstaben. Deshalb muss es in Überschriften oft dem Doppel-s weichen, das ihm auch sonst immer öfter die Schau stiehlt. Auch wenn das Eszett eine Extrataste am Computer besitzt, sind seine Tage gezählt. In der Schweiz ist es schon aus dem Schriftbild verschwunden und nun will ihm auch noch unsere umstrittene Rechtschreibreform an den Kragen. Sie macht das Eszett mehr denn je zum Kellerkind unter den Buchstaben und gibt seinem Doppelgänger den Vorzug.

Und aufgepasst, hier wird es etwas kompliziert, schon für uns Deutsche aber erst recht für die Franzosen: Nach einem kurzem Vokal verschwindet das Eszett. Fluß zum Beispiel hat einen kurzen Vokal, deshalb schreibt man nicht wie früher ein ß sondern zwei s. Lange Vokale oder Diphtonge sind die einzigen, hinter die sich das Eszett noch retten kann. Fleiß mit dem Diphtong ei schreibt man also nach wie vor mit ß. Diese wunderbare Lösung führt aber wieder zu ganz neuen Unklarheiten. Vielleicht schaffen die Reformer das Eszett deswegen bald ganz ab. Genießen wir diesen extravaganten Buchstaben also so lange es noch geht.

 

Text: Jeanette Konrad
Bild: Bérangère Lallement
 

die Art und Weise: das "Eszett" finden Sie auf der DVD 4