der Gegenstand

der Gegenstand: die "marinière"

Karambolage 393 - 22. Mai 2016
Nikola Obermann liebt Streifen, vor allem in blau-weiß. Sie erzählt uns heute Abend die Erfolgsgeschichte des französischen Matrosenhemds.
KARAMBOLAGE 393 - la marinière
der Gegenstand: die "marinière" Nikola Obermann liebt Streifen, vor allem in blau-weiß. Sie erzählt uns heute Abend die Erfolgsgeschichte des französischen Matrosenhemds.  der Gegenstand: die

Ich hatte eigentlich nie darüber nachgedacht, ob ein geringeltes Matrosenhemd deutsch oder französisch ist. Bis zum 18.10.2012, als der damalige französische Minister für produktiven Wiederaufbau, der Sozialist Arnaud Montebourg, auf der Titelseite eines Magazins mit drei Gegenständen „made in France“ posierte. Ein Mixer von Moulinex, eine Uhr des französischen Uhrmachers Michel Herbelin und ein blau-weiß gestreiftes T-Shirt der Marke Armor Lux.

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Es heißt, Arnaud Montebourg habe das Tragen eines Berets abgelehnt. Nicht schlimm, er sah auch so sehr gut und sehr französisch aus. Man trägt solche T-Shirts natürlich auch in Deutschland, vor allem im Karneval, aber nur die Franzosen haben eine Verordnung, die die Breite der Streifen vorschreibt! „20 indigoblaue Streifen auf der Brust und auf dem Rücken, 14 auf den Ärmeln, sie müssen 10 mm breit sein und in einem Abstand von 20 mm stehen“. Das Ringelhemd gehört nämlich zur offiziellen Uniform der Matrosen und Unteroffiziere der französischen Marine. Deshalb heißt es auch „marinière“, von „marin“, Seemann. Fesch, oder?

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Fesch war das Streifenmuster nicht immer. Im Mittelalter glaubt man im Gegenteil, dass Streifen Unordnung in die gottgewollte Ordnung bringen. Gestreifte Stoffe haben etwas Teuflisches und sind deshalb Narren, Verbrechern, Prostituierten, Leprakranken, Henkern, kurz, all denen vorbehalten, die in der anständigen Gesellschaft nichts zu suchen haben. Sogar das Zebra ist noch bis in die Renaissance hinein als „Bestie de Teufels“ verschrien.

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Die Streifen legen im Laufe der Jahrhunderte ihre teuflische Aura ab, kleiden aber weiterhin niedere Stände und Randgruppen, wie Hausangestellte, Gaukler oder auch Gefangene. Manchmal werden sie daher bewusst von Dandies und Revolutionären getragen, die so ihr Rebellentum, ihre einfache Herkunft oder ihre fortschrittliche Gesinnung zum Ausdruck bringen wollen.

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Man weiß, dass Matrosen ab dem 17. Jahrhundert blaue oder rote Streifen auf weißem Grund tragen, das belegen englische und holländische Gemälde aus dieser Zeit. Hier signalisieren die Streifen nicht nur den niederen Rang: wenn der Matrose ins Wasser fällt, sieht man ihn anscheinend auch besser.

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1858 wird das Hemd dann zum französischen Nationalgut, als per Dekret festgelegt wird, dass ein Matrose der französischen Marine unter seinem Hemd aus Segeltuch ein blau-weiß gestreiftes Unterhemd aus Jersey tragen muss, dessen Ärmel so kurz sind, dass sie nicht unter dem Hemd herausschauen. Das Ringelhemd selbst ist recht lang, und zwar um den Hintern des Matrosen zu verdecken, wenn er sich bückt, damals trug ein Matrose nämlich keine Unterhose.

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Außerdem liegt das Ringelhemd schön eng an, damit er bei der Arbeit auf Deck nirgendwo hängenbleibt, was ihm seine allseits beliebte, sexy Silhouette verleiht. Als die Streifen der Matrosen in den vornehmen Seebädern des 19. Jahrhunderts an Land gehen, zieren sie zuerst noch Liegestühle, Badeanzüge und Sonnenschirme, doch bald schon sieht man Frauen im Matrosenlook samt Ringelhemd: die Schriftstellerin Colette, die Abenteurerin Isabelle Eberhardt, die Modemacherin Coco Chanel.

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Die maskuline Arbeitskleidung ist nicht nur bequem, sie ist auch ein Manifest für die Befreiung der Frau. Plötzlich sind die frischen Streifen, die von Freiheit und Abenteuer erzählen, in Frankreich in Mode.

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Pierre Balmain, Yves Saint-Laurent und Jean-Paul Gaultier bringen das Ringelhemd auf den Laufsteg. Künstler wie Pablo Picasso, Boris Vian, Marcel Marceau, Brigitte Bardot, Jean Seberg tragen es, die Pariserin kombiniert es mit Pferdeschwanz, Ballerinaschuhen und rotem Lippenstift, und jeder Pariser, der ans Meer fährt, hat mindestens ein Ringelhemd der Marken Armor Lux, Saint James, Orcival oder Petit Bateau in seinem Koffer.

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Die „marinière“ ist in Frankreich solch ein nationales Emblem, dass im Jahre 2011 sogar die Fußballnationalmannschaft damit ausgestattet wurde – was ihr einen Wutanfall von Minister Montebourg bescherte, Sie erinnern sich, der flotte Minister, der sich für das Konzept „made in France“ so schön in Schale geworfen hatte. Grund seines Zorns? Nun, die hübschen, blau-weiß gestreiften Trikots der Nationalmannschaft waren dummerweise nicht in Frankreich hergestellt worden, sondern „made in Thailand“.

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Text: Nikola Obermann
Bild: Aurélie Pollet