der Gegenstand

der Gegenstand: der Waldmeister

Karambolage 236 - 01. Mai 2011
Immer im Mai erinnert sich unsere Journalistin Nikola Obermann voller Nostalgie an ein seltsames grünes Getränk, das die Franzosen nicht kennen, aber sehen Sie lieber selbst :

Hier eine grüne, sogar sehr grüne Flüssigkeit, die man in deutschen, aber nicht in französischen Supermärkten kaufen kann.

Was kann das wohl sein? Spülmittel? Nein. Sirup? Ja! Pfefferminzsirup? Aber nicht doch! Pfefferminzsirup ist ein sehr französisches Konzept, das die Deutschen immer ein wenig sprachlos macht. Für sie schmeckt er wie Zahnputzwasser. Nein, bei diesem quietschgrünen Getränk handelt es sich natürlich um Waldmeistersirup! Für viele Deutsche, und da nehme ich mich nicht aus, ist es der Geschmack ihrer Kindheit.

Waldmeister ist ein Pflänzchen mit vierkantigem Stiel und weißen Blüten. Sein botanischer Name ist "galium odoratum" oder "asperula odorata". In Frankreich heißt er manchmal "reine des bois", Königin des Waldes, aber die wenigsten Franzosen kennen ihn. Beim Verwelken verströmt er seinen typischen, süßlichen Duft, der in Deutschland Kultstatus hat.
 
Da gibt es zuerst die unvermeidliche Waldmeisterbrause, die sich die deutschen Schulkinder am Kiosk holen, dann das Waldmeistereis und natürlich die glibberige, knallgrüne Waldmeistergötterspeise, die man aus nahe liegenden Gründen auch gerne Wackelpudding nennt. Man benutzt Waldmeister, um Nachtische zu verfeinern und man gibt einen Schuss Sirup in das Berliner Weißbier, um daraus Berliner Weiße zu machen.

Vor allem aber braucht man Waldmeister, um die berühmte Maibowle zuzubereiten, die in Deutschland eine Tradition vieler Frühlingsfeste ist; man kann Waldmeister nämlich schon ab Ende April pflücken. Den schmackhaften Mix aus Weißwein, Sekt und Waldmeister, trank man angeblich schon im 9. Jahrhundert.

In den verschieden Maibowlerezepten wird geraten, die Waldmeistersträußchen kopfüber in die Bowle zu hängen, so, um den Kontakt mit dem weißen Saft in den Stengeln zu vermeiden, Waldmeister ist nämlich giftig. Sie haben richtig gehört! Zwar soll Waldmeister in der Volksmedizin beruhigende oder antiseptische Wirkung haben, eine Überdosis löst jedoch Kopfschmerzen und Übelkeit aus, und kann zu Lähmung, zum Koma und zum Tode führen.

Der gefürchtete Kater, der manche Zeitgenossen nach dem Genuss von ein paar Gläschen Maibowle überfällt, ist also nicht nur dem Alkohol zuzuschreiben, sondern der giftigen Wirkung des Waldmeisters, besser gesagt seines Aromastoffes, dem Cumarin.

Um jeglichem Vergiftungrisiko vorzubeugen, greift die Lebensmittelindustrie deshalb seit einigen Jahren zu künstlichen Aromen, die außerdem auch noch zuverlässiger und billiger sind. Die Waldmeisterlimonade enthält heute also leider keinen Waldmeister mehr. Was soll’s? Für mich schmeckt Waldmeister nach meiner Kindheit.

 

Text: Nikola Obermann

Bild: Claire Walka