l'objet

der Gegenstand: das Reclamheft

Karambolage 424 - 18. März 2017
Lesen Sie gerne klassische Literatur? Vielleicht nicht unbedingt. Aber dieses gelbe Büchlein, von dem uns Jeanette Konrad nun gleich erzählt, kennen Sie garantiert.
Karambolage 424 - le livre Reclam
der Gegenstand: das Reclamheft Lesen Sie gerne klassische Literatur? Vielleicht nicht unbedingt. Aber dieses gelbe Büchlein, von dem uns Jeanette Konrad nun gleich erzählt, kennen Sie garantiert.     der Gegenstand: das Reclamheft

Sehen Sie, was da aus der Jacke des Studenten hervorblitzt? Etwas leuchtend gelbes, schmales…? Sie als Deutsche wissen es längst, die Franzosen rätseln noch: eine Papierserviette? ein Notizbuch? Schauen wir uns einmal an, was darauf steht: Die Leiden des jungen Werther. Johann Wolfgang Goethe. Unter dem schwarzen Strich steht Reclam. Der Verlag Reclam.

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Das gelbe Büchlein ist natürlich ein Reclamheft, 10 mal 15 Zentimenter groß, Verkaufspreis schlappe 3 Euro, und jeder Deutsche kennt es. Denn wer hat in seinem Leben nicht wenigstens einmal ein Reclamheft gekauft, und sei es nur, weil in der achten Klasse die deutsche Romantik dran war? 

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Irgendwie war das aufregend, denn mit dem ersten Reclamheft gehörte man nicht mehr zu den Diktatschreibern, sondern zu den Literaturlesern, man war erwachsen. Durch ein simples gelbes Heft.

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Seine Geschichte beginnt im Jahr 1867, als Anton Philipp Reclam in Leipzig den ersten Band seiner Universalbibliothek herausbringt: Goethes Faust, Teil 1., der Klassiker der deutschen Literatur schlechthin, im erschwinglichen Miniformat. 1 Tag zuvor war in Deutschland das Urheberrecht liberalisiert worden, das Werke 30 Jahre nach dem Tod des Autors „gemeinfrei“ werden lässt. Jeder kann Goethe, Schiller und Lessing vom einen auf den anderen Tag drucken.

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Anton Reclams Idee ist genial einfach: Weltliteratur zu Niedrigpreisen: 2 Silbergroschen kostet damals ein Heft. Bald veröffentlicht der Verlag 140 Nummern jährlich. Neben deutscher und europäischer Literatur gibt es auch antike Texte, philosophische Werke, Gesetzesausgaben und Operntextelibretti.

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Bis 1970 sind die Heftchen noch elfenbeinfarben, erst danach erscheinen sie im unverwechselbaren kräftigen Gelb. Zweisprachige Ausgaben sind heute orange, Erläuterungen grün, Fremdsprachentexte rot.

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Heute umfasst die Universalbibliothek über 3500 Titel und die Aufnahme ist nach wie vor eine Adelung für jeden Autoren, die Garantie für Unsterblichkeit.

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Im Laufe der Jahre habe ich ein ganzes Bücherregal mit Reclamheftchen gefüllt. Da steht sie nun auf kleinstem Raum: meine Universalbibliothek, gezeichnet von endlosen Deutschstunden, bekritzelt, verziert, vollgeschrieben, fleckig, speckig und verknittert vom achtlosen In-die Tasche-stecken. Genau darin liegt das Erfolgsrezept von Reclam: die simple Aufmachung und der günstige Preis nehmen einem die Scheu vor der hehren Weltliteratur und bringen sie auf eine alltägliche Ebene. Goethe in der Jeansjacke – genial, oder?

Text: Jeanette Konrad
Bild: Luise Fiedler