der Gegenstand

der Gegenstand: das Kolonya

Karambolage 342 - 19. Oktober 2014
Eren Önsöz ist in der Türkei geboren aber in Deutschland aufgewachsen. Sie lebt in Köln. Heute Abend schenkt sie uns zur Begrüßung etwas Kolonya.
Karambolage 407 - la Kolonya
der Gegenstand: das Kolonya Eren Önsöz ist in der Türkei geboren aber in Deutschland aufgewachsen. Sie lebt in Köln. Heute Abend schenkt sie uns zur Begrüßung etwas Kolonya.     der Gegenstand: das Kolonya

 

Diese Flasche findet man in jedem türkischen Haushalt. Eine Flasche aus geriffeltem Glas mit einer gelben Flüssigkeit: Kolonya. Dreht man den Verschluss auf, riecht man es sofort: Kolonya ist, wie der Name schon sagt, eine Art Kölnisch Wasser. Türkisch Kölnisch Wasser!

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In meiner Kindheit stand die Flasche immer in einer Glasvitrine neben Mokkatassen, Familienphotos und einer Kristallpralinenschale. In anderen Familien thront sie manchmal stolz auf dem Fernseher, auf einer weißen Häkeldecke. In meiner jetzigen Wohnung, in Deutschland, steht die Kolonya-Flasche ganz unspektakulär im Bücherregal. Kommen gebetene oder ungebetene Gäste bei einer türkischen Familie zu Besuch, streifen sie als erstes die Straßenschuhe im Flur ab. Der Gastgeber verteilt verzierte Pantoffeln und die Gäste staken ins Wohnzimmer. Haben alle ihren Platz eingenommen und ist geklärt, ob es Mokka oder Tee gibt, heißt es: "Hadi Kizim" – "Los, meine Tochter" und die Tochter des Hauses greift nach der Kolonya-Flasche.

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Sie werden sehen, die Verwendung von Kolonya in der türkischen Kultur hat nichts mit der Verwendung von Eau de Cologne in Deutschland gemein. Ein Unterschied wie Tag und Nacht. Während sich die deutsche Oma ein paar Tropfen Kölnisch Wasser hinters Ohr tupft, gibt die junge Dame des Hauses einen grosszügigen Schuss Kolonya in die Hände der Besucher, die ihre Hände fest aneinanderpressen, um eine Schale zu bilden. Je mehr Kolonya, desto größer die Gastfreundschaft, desto glücklicher die Gäste. Dann werden die Hände schnell aneinander gerieben, wobei einiges von dem intensiven Duftwasser auf Teppich und Hose tropft... egal. Der Rest wird auf Gesicht und Nacken verteilt… aaah… und man fühlt sich wie neu geboren!

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Das Ritual erfrischt, tötet Keime und Bakterien und lässt die Strapazen einer langen Reise vergessen. Eine Wohltat an heißen, staubigen Tagen in Anatolien, aber auch im kalten Deutschland, weckt der Geruch doch Erinnerungen an Kindheit und Heimat. Kolonya gibt es in verschiedenen Duftnoten und Farben: Zitronig gelb, rosa bis aprikotfarben mit Rosenduft, oder bergamottig orange. Viele Hersteller buhlen um die Gunst der Kolonya-Liebhaber und in Deutschland sind die Regale der "Bakkal"-Läden, die türkischen Tante Emma-Läden, prall gefüllt mit dem "Türkisch Wasser".

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Böse Zungen behaupten, es trockne die Haut aus. Andere finden, das Ritual sei fürchterlich provinziell und ziehen moderne Erfrischungstüchlein vor. Für mich undenkbar. Ich lege immer erwartungsvoll meine Hände zur Schale zusammen, und alle Gastgeber sind zufrieden mit mir! Neulich schenkte ich einer deutschen Freundin einen für meine Verhältnisse winzigen Probeflakon, sie freute sich und sie rieb sich ein paar Tropfen aufs Handgelenk. Na, dachte ich mir, bei dieser sparsamen Verwendung hält das Fläschchen mindestens 10 Jahre!

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Text: Eren Önsöz
Bild: Sana Schönle