der Ausdruck

der Ausdruck: die "Grande Nation"

Karambolage 183 - 28. Juni 2009

Woran unterscheidet man einen wahren deutschen Frankophilen von einem falschen? Der wahre Frankophile spricht von Victor Hugo, Houellebecq, Brassens, Barbara, von Trenet und seiner "douce France". Der wahre Frankophile schaut ARTE am liebsten auf französisch, lässt nichts über einen guten Bordeaux gehen und würde seine Seele verkaufen für ein frisches Baguette. Der falsche Frankophile beteuert dagegen seine Bewunderung für die "Grande Nation", die Große Nation.

La grande Nation? wundert sich der Franzose. Na, Sie wissen doch, antwortet der Deutsche, die Nation, die das Konzept der Nation schlechthin erfunden hat, als ein politisches Gebilde aus Individuen, die zusammenleben und das gleiche Schicksal teilen wollen; die Nation, die die Menschenrechte verkündet hat! Und die Prinzipien der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit! Und das nicht nur für sich selbst, sondern gleich für die gesamte Menschheit! Sie wissen doch, La Grande Nation, Frankreich halt! Am Anfang ist der Franzose da etwas überrascht und gar geschmeichelt, bei so viel Bewunderung... aber schnell kommen ihm gewisse Zweifel.

Denn wenn dieser Deutsche von der Grande Nation spricht, meint er auch: stolzer gallischer Hahn, Eitelkeit, Überheblichkeit, den Anspruch, die erste politische oder kulturelle Geige zu spielen, obwohl jeder weiss, das Frankreich heute nur noch eine mittlere Macht ist. Und der etwas Unverschämte fügt augenzwinkernd hinzu: "Ich mag sie wirklich, diese Franzosen, aber manchmal..."

Wäre er wirklich frankophil, wüsste er, dass ein Franzose den Ausdruck "Grande Nation" niemals in den Mund nehmen würde. In Frankreich ist er nämlich gar nicht gebräuchlich, er wäre vermutlich sogar deplaziert und lächerlich. Der Deutsche behauptet natürlich, Napoleon hätte die Idee der Grande Nation gehabt, zuzutrauen wär's ihm ja. Schließlich hatte er ja auch eine "Grande Armee" und sein "Empire" war ja in der Tat "grand", also groß, und das nicht nur seiner geographischen Ausdehnung sondern auch seines Einflusses wegen. Dann wird er behaupten, De Gaulle hätte den Ausdruck Grande Nation benutzt und Sarkozy hätte ihn einmal in einer Rede untergebracht.

Wahrscheinlich weiss er gar nicht einmal, dass es eigentlich der alte Goethe war, der 1795 in "Unterhaltungen deutscher Ausgewanderten" Frankreich eine "große Nation" genannt hat. Napoleon hatte davon sicher nie etwas gehört. Tun wir also diesen Ausdruck dahin, wo er hingehört, in die Mottenkiste, auch wenn deutsche Journalisten, vor allem Sportjournalisten, ihn immer noch gern bemühen, wenn es um Frankreich geht.

Vergessen wir den Ausdruck, oder besser noch, überlassen wir ihn den Amerikanern: Die sprechen ganz selbstverständlich von ihrer "Great Nation" und das natürlich ohne den leisesten Anflug von Ironie.

Text: Hajo Kruse

Bild: Marion Turbat