das Symbol

das Symbol: der Hahn

Karambolage 138 - 27. Januar 2008
Warum ist das Wahrzeichen von Frankreich ein Hahn? Unser Journalist Hajo Kruse ist dieser existenziellen Frage nachgegangen.
Karambolage 467 - le coq
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Das Wappentier der Deutschen ist der Adler, König der Lüfte. Die Briten haben den Löwen, den König der Tiere. Und die Franzosen? Die haben den Hahn, Herrscher über Hühnerstall und Federvieh. Das ist weniger schick als Adler oder Löwe, aber der Hahn ist ja auch nicht das offizielle Wappentier Frankreichs. Und was ist wohl Frankreichs offizielles Wappentier? Ganz einfach: es gibt keins. Die Verfassung kennt nur die blau-weiß-rote Fahne. Den Leuten vom Protokoll bereitet das manchmal bei internationalen Treffen Kopfzerbrechen. Wenn die anderen Länder stolz ihre Wappen und Embleme zeigen, müssen die Franzosen improvisieren mit den Initialen der République Française "RF", mit Marianne, dem Hexagon oder dem Gallischen Hahn. Ursprünglich ist der Hahn nur ein Wortspiel. Zur Zeit der Römer hieß Frankreich La Gaule, Gallien, und die Bewohner Les Gaulois, die Gallier. Da machten die Römer einen lateinischen Kalauer mit Gallus, der Gallier, und Gallus, der Hahn.

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Seit dem Mittelalter wird der Hahn von Deutschen, Engländern und Italienern als Sinnbild für den französischen Feind benutzt; der cholerische, prahlerische, dumme, lüsterne und lächerliche Gockel ist dafür einfach ideal. Das konnten die französischen Könige nicht auf sich sitzen lassen. Karl V., Karl VII. und Ludwig XI. verkündeten: "Der Hahn ist keineswegs lächerlich." Und deshalb wählen die Valois-Könige den Hahn als Symbol. Dieser Hahn ist weder dumm noch eitel, sondern siegreich und wachsam. Sein Gesang weckt die Menschen, kündigt die Sonne an und verscheucht die Dämonen der Finsternis. Er ist Symbol für Licht, Leben, Auferstehung, Hoffnung. Verständlich, dass selbst Ludwig XIV. ihn gern neben seiner Sonne duldete.

 

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Seine wahre Sternstunde erlebt der Hahn aber während der Französischen Révolution. Schließlich kommt er vom Lande und deshalb wird er bald zum Symbol für das Volk. 1791 ziert er die Sechs-Pfund-Münze und avanciert schließlich – nach dem Sturz der Monarchie - zum Wahrzeichen des Staates. Er schmückt Geldstücke, Siegel, Stempel und Medaillen. Aber Napoléon liebt das "Federvieh", wie er sagt, leider gar nicht. Er bevorzugt den Adler als Symbol für das Empire. Während der Restauration bleibt der Hahn weiter in Ungnade, aber nach der Revolution von 1830 steigt er auf wie Phönix aus der Asche. Während des 1. Weltkriegs feuert er auf Plakaten die Soldaten an, wird Firmenzeichen der Filmproduktion Pathé und später wird er Zierat auf Kriegerdenkmälern.
 

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Das Vichy-Regime möchte den Hahn wieder auf seinen Misthaufen verbannen, aber er leistet Widerstand und immer wenn ein Hahn auf einem Kirchturm installiert wird, steht das symbolisch für Résistance. Aber heute lässt der Hahn Federn. Bei sportlichen Ereignissen kräht er noch, sonst sieht man ihn kaum. Die Zeiten ändern sich und der Herr des Hühnerstalls ist vielleicht ein bisschen zu ländlich und zu katholisch im laïzistischen modernen Frankreich. Trotzdem, für den berühmten Komiker Coluche bleibt der Hahn unzweifelhaft das beste Sinnbild für die Franzosen. Warum? Weil er das einzige Tier ist, das noch singt, obwohl es mit beiden Füßen in der Scheiße steht.

Text: Hajo Kruse
Bild: Joris Clerté