das Ritual

das Ritual: der Volkstrauertag

Karambolage 409 - 13. November 2016
In Deutschland ist heute Volkstrauertag, ein Gedenktag, den es in Frankreich nicht gibt. Und auch nicht alle Deutschen kennen seine Geschichte, die Nikola Obermann uns nun erzählt.
Karambolage 409 - le « Volkstrauertag »
das Ritual: der Volkstrauertag In Deutschland ist heute Volkstrauertag, ein Gedenktag, den es in Frankreich nicht gibt. Und auch nicht alle Deutschen kennen seine Geschichte, die Nikola Obermann uns nun erzählt.     das Ritual: der Volkstrauertag

Volkstrauertag. Das ist ein Gedenktag, an dem Deutschland um seine Toten, besser gesagt um seine Kriegstoten trauert. Damit es recht besinnlich zugeht, herrscht heute Tanzverbot, denn der Volkstrauertag gehört zu den sogenannten Stillen Tagen, an denen es keine Rockkonzerte oder Tanzveranstaltungen geben darf. Dafür aber Requiems im Radio, Fahnen auf Halbmast, eine Gedenkstunde im Bundestag mit Reden und Musik, Kranzniederlegungen auf Friedhöfen und Trompeter, die das berühmte Soldatenlied „Der gute Kamerad“ spielen.

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Sicher, solche Gedenktage gibt es überall : die Franzosen gedenken am 11. November dem Ende des 1. Weltkrieges und am 8. Mai der bedingungslosen Kapitulation Nazideutschlands. Die Sache mit dem Volkstrauertag ist jedoch etwas komplizierter. Deutschland hat nämlich immer damit gehadert, welchen Sinn man ihm geben solle. Das ging schon bei seiner Entstehung los. Kurz nach dem ersten Weltkrieg sollte ein Feiertag zum Gedenken an die 2 Millionen deutschen Gefallenen des ersten Weltkrieges eingeführt werden. Nach langem Hin und Her wird 1926 beschlossen, diesen Tag am 5. Sonntag vor Ostern zu begehen. Doch das hehre Ziel, die Deutschen in der Trauer um ihre Toten zu einigen, wird verfehlt.

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Das konservative Milieu ist der Meinung, dass man der Nation Opfer bringen müsse und es ehrenhaft sei, für Deutschland zu sterben. Für die linken Kräfte ist das Märtyrerkult und Kriegshetze. Ihre Botschaft lautet « Nie wieder Krieg », was ein frommer Wunsch bleiben wird, denn kurz darauf kommt Adolf Hitler an die Macht. Der verwandelt den Volkstrauertag in ein Propagandainstrument, mit dem er sein Volk auf einen neuen Krieg einstimmen will. Dazu tauft er ihn 1934 in „Heldengedenktag“ um und legt ihn ein paar Jahre später auf ein sehr symbolisches Datum: auf den 16. März, beziehungsweise den Sonntag davor, denn am 16. März 1935 hatten die Nazis die allgemeine Wehrpflicht wieder eingeführt.

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In den folgenden Jahren begeht Hitler dann systematisch wichtige kriegerische Aktionen in unmittelbarer Nähe dieses Datums – der Einmarsch ins Rheinland, der Anschluss Österreichs und die Besetzung Tschechiens finden alle in der ersten Märzhälfte statt - um bei den Gedenkfeiern von der Trauer abzulenken und stattdessen die miltärische Stärke Deutschlands demonstrieren zu können. Bis 1945 zelebriert Hitlerdeutschland nun also Helden anstatt Tote zu beweinen, beginnt einen neuen Krieg und fügt den Kriegstoten zwischen 50 und 60 Millionen hinzu.

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Nach Ende des 2. Weltkrieges wird die Sache mit dem Volkstrauertag noch komplizierter. Denn unter den Toten sind nicht nur Opfer und Verlierer, sondern auch Täter. Diesen zu gedenken ist schwierig. Ab 1945 gibt es daher je nach Bundesland und Besatzungszone zunächst verschiedene Gedenktage für die Opfer des Faschismus, die jedoch bald in den Ruf kommunistischer Propaganda geraten. Und als 1949 die beiden deutschen Staaten gegründet werden, führt nur noch die DDR diesen Tag fort, unter dem ideologisch gefärbten Namen „Internationaler Gedenktag für die Opfer des faschistischen Terrors und Kampftag gegen Faschismus und imperialistischen Krieg“. 

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Die BRD braucht nun einen eigenen Gedenktag und führt 1952 schließlich ihren Volkstrauertag ein, bei dem allen Opfern gedacht wird: den Opfern des Faschismus, den Soldaten, den Vermissten, den Witwen, den Waisen, den Kriegsgefangenen, den getöteten Zivilisten. Durch das neue, triste Datum am vorletzten Sonntag vor dem ersten Adventssonntag, in nächster Nähe zum katholischen Totengedenktag Allerseelen und dem evangelischen Totensonntag, soll wieder die Trauer im Vordergrund stehen, keiner soll mehr auf den Gedanken kommen, den Volkstrauertag mit dem Heldengedenktag der Nazis zu verwechseln.

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Tja, schön wär’s. Die deutschen Neonazis haben sich ihn leider völlig angeeignet, nennen ihn weiterhin Heldengedenktag und zelebrieren ihn mit Aufmärschen und Fackelzügen, wenn sie nicht gar auf dem Friedhof aufkreuzen und Fahnen mit dem Eisernen Kreuz ausrollen. Aber auch Pazifisten stören diese Zeremonien gerne und wollen ihn am liebsten ganz abschaffen. Sie sehen es, der Volkstrauertag, den die Bundesregierung jedes Jahr im Gedenken an die „Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft aller Nationen“ so würdevoll wie möglich zu begehen sucht, ist ein heikler, sperriger Feiertag. Und leider alles andere als unzeitgemäß. Denn seit die Bundesrepublik Deutschland wieder Soldaten zum Auslandseinsatz in Krisengebiete schickt, gibt es heute nicht nur die Gefallenen aus den letzten Weltkriegen zu betrauern.

Text: Nikola Obermann
Bild: Philipp Seefeldt