das Porträt

das Porträt: Johnny Hallyday

Karambolage 38 - 9. Januar 2005

 

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Als ich vor einigen Jahren nach Frankreich kam, entdeckte ich den grössten französischen Rockstar, einen Volkshelden, das Idol von Jung und Alt: Johnny Hallyday. Zu seinen Anfängen, vor über 40 Jahren, war es Mode, einen englischen Namen anzunehmen. Doch ist er weder Engländer noch Amerikaner: er ist Franzose. Inzwischen hat er den Schwindel zugegeben: Er heisst Jean-Philippe Smet, ist "geboren in Paris, sie kennen ihn besser unter dem Namen Johnny, er wurde an einem Juniabend 1943 auf der Strasse geboren - und die Musik, die er liebt, sie kommt von dort: sie kommt vom Blues." Zugegeben, zuerst dachte ich "bitte"? Dieser alternde Schönling mit Lederjacke, mit seinen Liedern von Liebe und Tod, seinen Hymnen voller Herzschmerz, Blut und Tränen, der mit dem Motorrad oder sogar dem Hubschrauber auf die Bühne kommt, ist der grösste französische Star aller Zeiten? Was für ein Kitsch! Welche Geschmacksverirrung! Aber nach und nach habe ich begriffen, dass Johnny sehr viel mehr ist als nur ein Sänger. Johnny ist ein Nationaldenkmal. Aber warum?
 

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Erstens: Johnny ist ein echter Kerl. Schauen sie: seine blauen Augen, und ihr durchdringender erotischer Magnetismus, seine Tätowierungen, seine Lederkluft, seine Harley Davidson, seine Freiheit, seine Einsamkeit, seine Schweissperlen. Johnny verkörpert den unerreichbaren Traum wahrer Männerfreiheit. Und dann ist Johnny von bescheidener Herkunft. Er kommt wirklich fast von der Strasse und hat dadurch etwas Volksnahes. Die Franzosen mögen das. Niemand kann eine so lange Karriere vorweisen wie Johnny, der auch heute noch lange nicht am Ende ist: denn die Fans seiner Anfänge sind immer noch da, und ihre Kinder und Enkelkinder sind inzwischen auch zu Fans geworden. Die Zeiten ändern sich, aber er ändert sich nicht. Er bleibt Johnny. Aber ich habe ja noch gar nicht von seiner Stimme gesprochen: Johnny ist eine Art Pavarotti der Rockmusik. Er hat ein Riesenorgan und wenn er singt, dann geht er weit, dann schreit er und weint. Andere Sänger würden sich lächerlich machen, aber bei Johnny geht alles durch! Er darf sogar den rock’n roll auf Französisch singen, in einem Frankreich, das sich im Gegensatz zu Deutschland nach dem zweiten Weltkrieg nicht hat amerikanisieren lassen.
 

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Okay, Johnny schreibt seine Texte nicht selber, aber das ist nicht schlimm, denn alle reissen sich darum, für ihn schreiben zu dürfen. Sogar namhafte Schriftsteller wie Françoise Sagan! 1000 Lieder, 100 Millionen verkaufte Platten, die Ehrenlegion: Johnny gehört zum französischen Kulturgut und alle sind gut Freund mit ihm, sogar Jacques Chirac. Er ist überall, im Fernsehen, in den Zeitungen, im Kino, und verkauft Platten, seine Konzerte oder schlicht sein Leben. Aber auch Brillen, Versicherungen, Parfum und Kaffee. Sehen sie, die Franzosen können von Johnny einfach nicht genug kriegen, auch ich habe langsam angefangen ihn zu mögen. Er hat mich weichgekriegt. Ich lebe in Frankreich, ich mag Frankreich, ich mag die Franzosen, ich mag Johnny. Ich kann gar nicht anders.

 

Text: Nikola Obermann

Bild: Joris Clerté