das Gemälde

das Gemälde: „Die Krönung Napoleons“ von J.L. David

Karambolage 370 - 25. Oktober 2015
Heute möchte Jeanne Desto mit uns ein Gemälde betrachten, das – wie man so schön sagt – zum kollektiven Gedächtnis der Franzosen gehört: „Die Krönung Napoleons“.
KARAMBOLAGE N°370 - « Le Sacre de Napoléon » de J. L. David
das Gemälde: „Die Krönung Napoleons“ von J. L. David das Gemälde: „Die Krönung Napoleons“ von J. L. David das Gemälde: „Die Krönung Napoleons“ von J. L. David

 

1804. Bonaparte ist 35, seine Popularität ist auf dem Höhepunkt. Die Franzosen haben seine Siege während der Italienfeldzüge begeistert mitverfolgt und wissen, dass die französische Flagge auch in Ägypten weht… Napoleon führt die Geschicke Frankreichs  er sich durch einen Staatsstreich zum Ersten Konsul ernennen ließ. Der Maler Jacques-Louis David ist einer seiner größten Bewunderer. Er hat sogar ein Porträt des Ersten Konsuls begonnen, das jedoch unvollendet bleiben wird. Ein paar Jahre später malt er „Bonaparte beim Überschreiten der Alpen am Großen Sankt Bernhard“ ein feuriges Reiterbild, das heute zu den bekanntesten Darstellungen Bonapartes gehört. Am 18. Mai 1804, wird der erste Konsul Bonaparte zum Kaiser proklamiert und heißt nun Napoleon I. Um seiner Thronbesteigung eine sakrale Dimension zu verleihen, will er, dass eine religiöse  Zeremonie den Festakt am 2. Dezember 1804 beschließt. Im September gibt Napoleon bei David, der zum ersten Hofmaler der Kaisers aufgestiegen ist, ein großes Gemälde in Auftrag, das diesen denkwürdigen Moment festhalten soll. Hier ist also die Krönungszeremonie, wie sie von David in seinem Gemälde „Die Krönung Napoleons“ verewigt wurde. Das Gemälde hängt heute im Louvre in Paris. Um einer derartigen Zeremonie gerecht zu werden, muss es monumental sein: 9,79 m mal 6,21 m. Wir befinden uns im Inneren der Kathedrale von Notre-Dame, im Chorbereich. Schon der Rahmen ist grandios: hohe Marmorsäulen, rote Vorhänge und Wandbehänge. Die Hauptpersonen sind in Licht getaucht, besonders Napoleon in der Bildmitte. 

9_napoleonprint.jpeg

Doch schauen wir erst uns einmal diesen Mann mit dem bestickten Jackett auf der Tribüne an, der stolz die Ehrenlegion zur Schau trägt. Das ist David selbst. Er macht sich mit Heft und Stift in der Hand Notizen. Ein Selbstporträt also. Etwas beschönigt, wie auch dieses hier, auf dem ein Schatten gezielt ein Geschwür in der Wange verbirgt, Folge einer Verletzung beim Fechten. Diese Büste von François Rude ist sicher eine originalgetreuere Darstellung des Malers, der sich damals schon großer Berühmtheit erfreut. Doch zurück zu Napoleon. Seine Faszination für das römische Reich liest man unschwer an seiner Kleidung ab: eine Tunika und ein Mantel aus goldbesticktem Samt. Er trägt bereits einen goldenen Lorbeerkranz und hält die Krone – sie ist das Zentrum des Bildes – um sie seiner Gemahlin Joséphine de Beauharnais, aufzusetzen. Diese kniet in ehrfürchtiger Erwartung mit gefalteten Händen vor ihm. Über ihrem Kleid aus Silberbrokat trägt auch sie einen purpurfarbenen Samtmantel. Auf dem Kopf trägt sie bereits eine goldene Krone. Es heißt, der Mantel sei so schwer gewesen, dass sie mehrmals fast hingefallen sei. Der dritte Protagonist ist Papst Pius der Siebte. Napoleon bestand auf dessen Anwesenheit, um die außergewöhnliche, heilige Dimension der Zeremonie zu bekräftigen, doch als der Pabst ihm die Krone aufsetzen will, nimmt er sie ihm aus den Händen, dreht sich zu den Anwesenden und krönt sich selbst. So zeigt er seine Unabhängigkeit von der Kirche. Der Pabst darf gerade einmal den Segen sprechen.

4_napoleonprint.jpg.jpeg

Das Gemälde zeigt eine üppige Porträtg, Botschaftern, Marschällen usw. erkennen wir hier Napoleons Brüder, seine drei Schwestern, die Cousine und die Hofdame von Joséphine. Und in der Mitte der Loge, Läetitia, Napoleons Mutter. David umgibt sich mit seiner Frau, seinen Töchtern, Schülern und Freunden. Und schließlich die Attribute, die dem Kaiser den Status „von Gottes Gnaden“ verleihen, die Regalien. Eine direkte Linie zu Karl dem Großen 1 000 Jahre zuvor: das Schwert Karls des Großen, „Joyeuse“ , „freudvoll“ genannt, seine Krone und sein Zepter. Und natürlich Napoleons eigene Insignien: die Hand der Justiz, der Reichsapfel und sein Zepter. Man muss sich das einmal vorstellen, eine Krönung, so prachtvoll wie die der französischen Könige, wenn nicht noch prachtvoller, 1804, gerade mal 15 Jahre nach der Revolution, und ganz Frankeich feiert seinen neuen Herrscher von Gottes Gnaden… David arbeitet zwei Jahre an dem grandiosen Gemälde, in der Kirche von Cluny, die ihm hierfür zur Verfügung gestellt wurde. „Ich notierte alles, was ich aus Zeitmangel nicht zeichnen konnte, damit man beim Betrachten des Gemäldes glaubte, bei der Zeremonie dabei gewesen zu sein. Jeder ist an dem Platz, der ihm gebührt. Alle wollten sich für das Gemälde, das mehr als 200 Personen zeigt, porträtieren lassen.“ Denn David wollte mit seinem Werk so realistisch wie möglich sein.

5_napoleonprint.jpeg

Gibt das prächtige Bild aber wirklich die historische Wahrheit wieder? Nicht unbedingt. Der Kaiser verfolgt Davids Arbeit genau und verlangt unzählige Änderungen. So hatte David den Papst mit gefalteteten Händen gemalt, doch der Kaiser – „ich habe ihn nicht von so weit her holen lassen, damit er untätig bleibt“ -  will, dass er den Festakt segnet. Pius VII wird sich nie davon erholen, zu dieser „Maskerade“ wie er sie im Nachinein nannte, gezwungen worden sein. Seine Beziehung zu Napoleon wird auf ewig gestört bleiben. Napoleons Mutter war bei der Zeremonie gar nicht dabei, sie war gegen die Krönung, doch der Kaiser wollte es anders: durch ihren zentralen Platz scheint seine Mutter dem Festakt vorzusitzen und ihn gutzuheißen. Auch der festliche Glanz in der Kathedrale ist eine Beschönigung, denn diese war damals sehr beschädigt. Und David selbst konnte gar nicht auf der Tribüne gewesen sein. Die Skizzen, die er machte, zeigen, dass er sich irgendwo hier befand. Dieses neo-klassizistische Gemälde ist also eine Propagandamalerei, die die Erinnerung an diesen Akt in aller Ewigkeit festhalten soll. Einer war auf jeden Fall sehr zufrieden, und zwar der Kaiser selbst. Er sagte vor dem vollendeten Bild: „Wie groß es ist, wie plastisch die Gegenstände sind! Welche Wahrhaftigkeit! Das ist kein Malerei: man kann in dieses Gemälde eintreten!“

Text: Jeanne Desto
Bild: Claire Doutriaux, Claude Delafosse