das Gemälde

das Gemälde: Das Floß der Medusa von Théodore Géricault

Karambolage 132 - 25. November 2007
Und nun erzählt uns Claire Doutriaux noch einmal die Geschichte eines der berühmtesten französischen Gemälde. Schauen Sie:
Karambolage 424 - Le Radeau de la Méduse de Théodore Géricault
das Gemälde: „Das Floß der Medusa“ von Théodore Géricault Claire Doutriaux erzählt uns noch einmal die Geschichte eines der berühmtesten französischen Gemälde: „Das Floß der Medusa“ von Théodore Géricault. das Gemälde: „Das Floß der Medusa“ von Théodore Géricault

 

Betrachten Sie diese Abbildung aus dem berühmten Tim und Struppi Comic Kohle an Bord, von Hergé, oder dieses Bild aus Asterix als Legionär, einem nicht weniger berühmten Comic.

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Sehen Sie hier verschiedene politische Karikaturen aus der französischen Presse, aus dem Canard enchaîné oder dem Figaro, und auch zeitgenössische Kunstwerke, wie das des chinesischen Malers Hu Jieming oder des amerikanischen Photographen Joel-Peter Witkin…

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All diese Abbildungen spielen auf ein französisches Bild an, le radeau de la méduse, zu deutsch Das Floß der Medusa, gemalt 1818 von Theodore Géricault. Das Bild befindet sich in Paris im Louvre.
Doch zunächst zu seiner Geschichte: 1816 geht die Fregatte „La Méduse“ vor der senegalesischen Küste mit 200 Mann an Bord unter. Ungeachtet des Ehrenkodex und der Pflichten der Marine nehmen als erstes der Kommandant, ein bemerkenswert unfähiger Aristokrat, die Offiziere und die feineren Leute in den Rettungsbooten Platz. 150 Mann bleiben an Bord. Unter der Leitung des Zimmermanns baut die Besatzung ein großes Floß, das erst mit einem Rettungsboot verbunden und dann abgehängt wird. An Bord gibt es lediglich ein paar Fässer Rum. Die 12 Tage Wasser- und Nahrungsmangel sowie der Alkoholkonsum treiben die Männer beim Kampf ums Überleben zu Gewalttaten und Kannibalismus. Fünfzehn halb tote Männer werden schließlich von einem Schiff gerettet. Der Kapitän wird zu drei Jahren Gefängnis verurteilt.

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1816 ist Théodore Géricault ein junger, talentierter Maler von 25 Jahren. Sofort greift er das Ereignis auf, lässt sich die Tragödie von Überlebenden erzählen und das Floß ganz genau beschreiben. Im Herbst des Jahres 1818 mietet er ein großes Atelier, in dem die riesige, fast 5 mal 7 Meter große Leinwand Platz findet, und lebt dort mehrere Monate in totaler Askese. Géricault lässt sich sogar heimlich Leichenteile aus einem nahen Krankenhaus bringen, um ausführliche Studien anzustellen. Er zögert, was das Motiv angeht: eine Meuterei auf dem Floß? Eine Kannibalismusszene? Sehen Sie hier, wie die Männer durch den Hunger zum Äußersten getrieben werden. Die Rettung der Schiffbrüchigen? Nach mehreren Skizzen entscheidet er sich für den Moment, an dem sich in der Ferne der erlösende Umriss eines Schiffes zeigt. Der schwarze Punkt am Horizont? Das sind die Segel des Schiffes, das die Schiffbrüchigen aufnehmen wird.
Sehen wir uns das Gemälde an, das die Gemüter erhitzte: 20 Personen, überlebensgroß, auf engstem Raum, sterbende Männer, die in den Augen von Géricaults Zeitgenossen mit übertriebenem Realismus dargestellt sind.

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Ein Unglück wird hier dramatisiert, theatralisiert. Das Meer ist aufgewühlt, die Arme verzweifelt gestreckt, die Farben finster, die Körper fahl. Das ist der romantische Aspekt dieses gewaltigen Bildes an der Schnittstelle zwischen Romantik und Realismus, das die verschiedenen Etappen des Todes darstellt.

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Das Floß der Medusa zeigt aber noch etwas anderes: 1818 ist die Zeit der Restauration, also der Rückkehr der Monarchie 30 Jahre nach der französischen Revolution, und das Floß der Medusa symbolisiert die Arroganz des adligen Frankreichs, das seine Haut rettet, aber das Volk seinem tragischen Schicksal überlässt.
Vor allem wirft es aber einen provozierenden Blick auf die Kolonisation – denn sehen Sie welch ein Skandal, dieses weiße und schwarze ineinander verschlungene Fleisch, diese Gleichheit vor dem Tod!

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Sehen Sie, wer auf dem Gipfel dieser menschlichen Pyramide einen Lumpen wie eine Fahne dem Schiff entgegenstreckt, der Zukunft? Ein Schwarzer, ein Neger, hätte man damals gesagt!
Das war zuviel. 1819, auf dem Pariser Salon, ist man schockiert von Motiv und Machart des Bildes und es wird beschimpft, doch der Historiker Michelet dazu : „Es ist unsere ganze Gesellschaft, die er auf dieses Floß der Medusa bannt.“
Ja, Géricault ist ein engagierter Künstler, und das Zusammenspiel seiner bildlichen Stärke und seiner historischen Aussagekraft geben dem Floß der Medusa etwas höchst symbolisches.

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Nun, da wir das Gemälde etwas besser kennen, zurück zu Tim und Struppi. „Dahinten!… Ein Schiff! …Gerettet!“ Auf der nächsten Seite der französischen Fassung fragt Tim, während Kapitän Haddock wie üblich den Clown macht „Sie wollen also wirklich um jeden Preis, dass das hier das Floß der Medusa ist?“ Diese Anspielungen sind nicht auf deutsch übersetzt.
Und was soll man erst bei Asterix sagen, wo das Floß der Piraten eine getreue Kopie von Géricaults Floß ist. Den Deutschen entgeht hier das schöne, aber schwer zu übersetzende Wortspiel des Piratenführers : „Ich bin versteinert.“ - „Je suis médusé“. Na gut, wir erklären es Ihnen…

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La Méduse war der Name des untergegangenen Schiffes. Méduse ist auch das französische Wort für Qualle. Übrigens hieß diese früher im Deutschen auch Meduse. Dieses Tier verdankt seinen Namen Medusa, der Gorgone aus der Mythologie, deren schlangenbesetzter Kopf jeden, der sie ansah in Stein verwandelte, „Etre médusé“ sagt man auf Französisch also, wenn man vor Verblüffung wie versteinert ist. Wie kultiviert man in Frankreich sein muss, um einen Comic zu verstehen...

Text: Claire Doutriaux, Emilie Daniel, Christian Henry
Bild: Claire Doutriaux, Arnaud Lamborion