8. Juli 2016

Wim Vandekeybus

Der Choreograf über das Revival seiner Werke

Kaum ein Künstler hat die Tanzwelt der letzten dreißig Jahre mehr geprägt als der belgische Tänzer, Choreograf, Theater- und Filmregisseur und Fotograf Wim Vandekeybus. Im Alter von 24 Jahren versetzte er die konservative Szene mit seinem Bühnenwerk "What the Body Does not Remember" in helle Aufregung. Die explosive und radikal sinnliche Choreografie wurde mit dem Bessie Award ausgezeichnet. Zurzeit tourt der Gründer der Kompanie Ultima Vez durch Österreich und Deutschland. Dass der Ausnahmekünstler nichts von seiner Kreativität eingebüßt hat, bewies er kürzlich mit "Speak Low if You Speak Love" und einem Revival von "In Spite of Wishing and Wanting".

Das Gespräch führte Emmanuelle Dreyfus.

Haben Sie sich für Ihr Werk "Speak Low if You Speak Love" mit Shakespeare beschäftigt?

Das Zitat stammt zwar aus "Viel Lärm um nichts", aber ich kenne das Stück nicht so gut. Da in der Aufführung Musik und Gesang im Vordergrund stehen, habe ich mich vor allem von "Speak Low" inspirieren lassen, einem Song von Kurt Weil, den Billy Holiday später interpretiert hat. Der Titel ist inzwischen ein Klassiker, vor allem im Jazz. Ich denke, dass es sehr schwer ist, von der Liebe zu sprechen. Wenn man sie zum Thema machen will, muss man andere Sprachen einbeziehen, die Körpersprache etwa und die Sprache der Musik. Es ist fast unmöglich, etwas Immaterielles in Worte zu fassen.

In Spite of Wishing and Wanting
© Danny Willems

Leidenschaft, Verlangen, Sehnsucht – die Liebe hat viele Gesichter …

Welche Liebe meinen Sie? In dem Film "Liebe" von Michael Haneke geht es um Verlust, ein weites Feld, auf das ich mich nicht vorgewagt habe. Liebe ist wie das Universum, sie ist unendlich. Man kann endlos lange über sie reden, ohne sie in ihrem Wesen zu erfassen. Ich wollte keine schwerfällige Szenografie, alles sollte leicht sein, auch wenn unsere Gesellschaft materialistisch ist und alles kommerzialisiert wird, auch die Liebe. Ich wollte die Energie darstellen, die zwischen zwei Menschen pulsiert, das Urgefühl, eine Empfindung, die wir vor allem dann wahrnehmen, wenn sie uns entgleitet oder wir Sehnsucht verspüren. Wenn man dieses Gefühl erlebt, ist es schwer, es zu definieren. Daher der Titel, ansonsten habe ich mich nicht an Shakespeare orientiert.

Hat Ihr Psychologiestudium Ihre Einstellung zum Tanz beeinflusst?

Der Einfluss ist eher gering. Ich war von dem Fach frustriert. Die Objektivität der Psychologie war nichts für mich. Ich bin ein sehr intuitiver Mensch. Es gibt bei mir keine festen Regeln, aber ich lese viel. Zum Beispiel "Les Stratégies fatales" von Jean Baudrillard. Das Werk hat die Produktion und auch die Wiederaufnahme von "What the Body Does not Remember" entscheidend mitgeprägt. Ich wollte, dass auch die Tänzer das Buch lesen. Es inspiriert mich immer noch. In meinem nächsten Stück "Mockumentary of a Contemporary Saviour" geht es um einen Messias in der Zukunft. Zur Vorbereitung habe ich mich erstmalig eingehend mit Science-Fiction beschäftigt.

What the Body does not Remember w/ Ictus
© Danny Willems

Wie begehen Sie das 30-jährige Bestehen von Ultima Vez?

Zum Feiern finden wir immer einen Grund. Für unser 25-jähriges Bestehen haben wir das Revival von "What the Body does not Remember" produziert. Zu unserem 30-jährigen Bestehen wollen wir zusammen mit Gästen ein Buch herausbringen. Meine Schwester hat auch einen Dokumentarfilm über mich gemacht, "WIM". Lut hat mich lange Jahre begleitet, von 1987 bis vor 6 Jahren, als mein Sohn geboren wurde. Sie hat Zugang zu allen Archiven. In dem Film geht es weniger um Tanz, eher um den kreativen Schaffensprozess.

Was halten Sie vom zeitgenössischen Tanz?

Ich bin altmodisch! Wir leben in finanziell unsicheren Zeiten. Heutzutage wird anders geplant. Häuser, die noch immer über Geld verfügen - auch wenn es weniger ist als früher - planen sehr lange im Voraus. Gleichzeitig wollen die Programmverantwortlichen die Stücke früher sehen. Es gibt auch ein neues Netzwerk von jungen Tänzern. So viele Menschen tanzen! Bis zu 1000 Kandidaten kommen zu einer Audition. Im Internetzeitalter geht alles viel schneller, und die jungen Leute können die Techniken des jeweiligen Choreografen leichter lernen. Oft geben sie schon in jungen Jahren selbst Kurse, aber ohne neue Techniken, und deshalb sieht so vieles gleich aus. Als ich angefangen habe, hatte ich keine Ahnung vom Tanzen. Heute wissen die Tänzer zu viel, es ist schwieriger, sich etwas Neues auszudenken.

Gehört Improvisation bei Ihnen zum kreativen Prozess?

Bei den Proben rede ich viel und fordere die Tänzer auf, sich Notizen zu machen, um etwas Eigenes beizutragen. Am Ende eines Probentages sage ich dann oft zu ihnen: "Morgen möchte ich etwas anderes, etwas Neues sehen", und dann sind sie am Zug. Ich leite nicht an, ich schaue nur zu, und so entstehen oft neue Ideen. In "Speak Low if You Speak Love" waren die Tänzer alle sehr jung, manchmal haben wir auch einfach abgebrochen, ich war sicher auch sehr streng. Ich habe einen Assistenten, der die Texte und Filme für die Tänzer vorbereitet. Manche lesen nicht gern, es sind nicht nur Intellektuelle darunter. Man muss ihnen Anregung bieten.

What the Body does not Remember
© Danny Willems

In diesem Jahr haben Sie eins Ihrer Stücke aus dem Jahr 1999 wiederaufgenommen: "In Spite of Wishing and Wanted".

Mein Assistent übernimmt die Recherche für mich; ich habe mir kein einziges Video angesehen. Weder filme ich meine Arbeit, noch mache ich mir Notizen. Ich habe die großen Linien im Kopf, und den Rest rekonstruiere ich. Auch einer der ursprünglichen Tänzer und mein damaliger Assistent haben mir dabei geholfen. Zuerst dachte ich, ich würde einiges ändern, aber letztendlich habe ich doch vieles belassen wie es war, so wie schon bei "What the Body does not Remenber", eins meiner Werke aus dem Jahr 1987, das ich 2013 neu auf die Bühne gebracht habe. Heute warten alle auf das Revival von "Blush" (2003). Aber solche Wiederaufnahmen sind auch gefährlich: Die Programmmacher kaufen ein Werk, aber die Neuinterpretation interessiert sie weniger.

Ihre Kompanie arbeitet in Molenbeek. Wie lebt es sich in dem Brüsseler Stadtteil?

Salah Abdeslam wurde 100 Meter vom Studio entfernt festgenommen. Wir sind nach Molenbeek gezogen, weil wir hier die Räumlichkeiten kaufen konnten. Wir sind sehr gut integriert und haben gleich Leute aus dem Viertel engagiert. Die Tür steht immer offen, und verschiedene Schulklassen kommen, um sich die Proben anzuschauen. Wir hatten nie Schwierigkeiten. Nur eine Minderheit hier ist orientierungslos, und das hat nichts mit Religion zu tun. Als ich nach Brüssel gekommen bin, gab es nur Türken, Chinesen, Marokkaner und Portugiesen, weil die Belgier nicht in Brüssel leben wollten. Es gab Straßen, in denen konnte man fünf Häuser zu einem Spottpreis erwerben, und die Einwanderer haben dann hier ihr Geld angelegt. Nach und nach sind die Belgier zurückgekommen und haben sich in der Nachbarschaft niedergelassen. Aber das Zusammenleben mit den Ausländern funktioniert nicht wirklich. Die Bewohner von Matonge fühlen sich nicht als Brüsseler, sondern als Afrikaner. Es wird noch einige Zeit dauern, bis die Ghettos verschwinden.

Was waren Ihre letzten kulturellen Highlights?

Ich war in der neuen Pariser Philharmonie, also ich habe mir das Gebäude angeschaut und war beeindruckt. Man ist von Technik umgeben, aber dort wurde fast ein Stück Natur nachgebaut. Einer sagt etwas, und alle können ihn hören. Das ist faszinierend. Vielleicht führe ich 2018 dort ein Projekt durch. Ich würde mir gerne das Projekt von Olafur Eliasson in Äthiopien anschauen, aber ich fürchte, dafür ist es schon zu spät. Ich liebe Künstler, die nicht in ihrem Studio bleiben, sondern die Welt bereisen.

Wim Vandekeybus
© Danny Willems

Fünf Eckdaten zu Wim Vandekeybus

1963 : Geburt im flämischen Herenthout

1985 : Er wird Mitglied der Kompanie von Jan Fabre.

1986 : Gründung der Kompanie Ultima Vez in Madrid

2012 : Er erhält den Keizer-Karel-Preis für sein Gesamtwerk.

2015 : Der Allround-Künstler bringt "Galloping Mind" heraus. In dem Spielfilm, der in Ungarn und Rumänien gedreht wurde, zeigt er Straßenkinder und streunende Hunde.