Oktober 2016

Barbara Yelin

Die Comic-Künstlerin über ihr neues Buch "Vor allem eins: Dir selbst sei treu"

"Ich erzähle mit Bildern", sagt Barbara Yelin. Die gebürtige Münchnerin ist eine der erfolgreichsten deutschen Comic-Künstler und schafft es immer wieder, in nur wenigen Szenen und atmosphärischen Bildern große Geschichten und ganze Leben zu erzählen. Sie hat mehrere Comicbücher und Webcomics veröffentlicht und ist als Workshopleiterin und Reportage-Zeichnerin unter anderem nach Kairo, Neu-Delhi und Bali gereist. In ihrem neuen Buch "Vor allem eins: Dir selbst sei treu", das sie gemeinsam mit dem israelischen Illustrator David Polonsky veröffentlicht, zeichnet sie den Weg der israelischen Schauspielerin und Friedensaktivistin Channa Maron nach - ein Leben wie ein Film, verdichtet auf zehn Episoden.

 

Das Gespräch führte Carina Braun

 

Frau Yelin, Ihr neues Buch handelt vom Leben der israelischen Schauspielerin und Friedensaktivistin Channa Maron. Was hat Sie an ihr fasziniert?

Channa Maron war eine sehr eigenwillige und mutige Frau, die immer ihre Stimme erhoben hat. Mit ihrem Leben lässt sich – teilweise auf sehr tragische Art – fast ein ganzes Jahrhundert Zeitgeschichte erzählen. Sie war bereits als Kind ein Berliner Bühnenstar, musste im Alter von zehn Jahren aus Deutschland emigrieren, war als Flüchtling in Frankreich und kam schließlich nach Palästina. Sie war im Zweiten Weltkrieg Soldatin in der Jüdischen Brigade und hat nach der Staatsgründung Israels als Schauspielerin das kulturelle Leben dort mit aufgebaut. Trotz vieler Schicksalsschläge ist sie immer wieder aufgestanden und hat sich nie entmutigen lassen, nicht einmal, als sie 1970 bei einem palästinensischen Terroranschlag in München schwer verletzt wurde.

 

Durch den Anschlag verlor sie ein Bein. Trotzdem hat sie sich stets für eine Aussöhnung zwischen Israelis und Palästinensern und für einen Palästinenserstaat eingesetzt. Wie hat sie es geschafft, den Glauben nicht zu verlieren?

Tatsächlich begann mit diesem Ereignis für sie eine noch intensivere Auseinandersetzung mit der politischen Situation. Sie war nun selbst ein Opfer. Und trotzdem oder gerade deswegen hat sie sich danach so sehr für die Versöhnung engagiert. Ihre Botschaft war: Wir müssen den anderen kennenlernen, sonst können wir einander nicht verstehen. Sonst können wir nie Frieden finden.

 

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Wie haben Sie für das Buch recherchiert?

Ich habe fast journalistisch gearbeitet, bin nach Tel Aviv geflogen und konnte dort mit ihren Kindern und Wegbegleitern sprechen. Das Goethe-Institut Israel hat das Projekt initiiert, und uns allen war es wichtig, keine pädagogische Biografie zu machen. Wir wollten etwas über ihre Persönlichkeit, ihre Stärke erzählen. Es gibt so viele Geschichten über sie, Anekdoten, ich hätte hundert Episoden zeichnen können.

 

Gibt es eine Geschichte, die besonders viel über sie aussagt?

Mir fällt eine Szene in dem Café ein, in dem sich die Intellektuellen trafen. Der gefeierte Dichter Nathan Alterman hatte sein erstes Bühnenstück geschrieben, und er rief Channa Maron zu sich und sagte: Ich habe für dich eine Rolle geschrieben. Die Hauptrolle sogar! Das war eine große Ehre. Doch Channa, damals noch eine junge Schauspielerin, lehnte einfach ab. Alterman war fassungslos. Er fragte, was er tun könne, um sie umzustimmen. Sie lachte und sagte: Schreib mir ein Lied in das Stück. Sie wusste, es wäre das Letzte, was dieser ernsthafte Autor tun wollte. Aber am nächsten Tag hatte er es tatsächlich getan. Diese Szene zeigt, wie selbstbestimmt sie war und dass sie sich nie in eine Rolle gefügt hat, die man vielleicht von ihr erwartet hätte.

 

Für das Buch mussten Sie sich auf zehn Episoden beschränken. Wie haben Sie sie ausgewählt?

Ich wollte dieses Leben nicht einfach chronologisch zusammenzufassen, sondern fokussieren. Die Entwicklung der Dramaturgie geschieht bei mir übers Scribbeln: Ich sammle auf vielen, vielen Skizzenblättern Interviewschnipsel und Schlagworte und zeichne Szenen, die mir erzählt wurden. Mit der Zeit wird das ein großes Puzzle. Man gewichtet, sortiert aus, etwas anderes kommt hinzu. Es ging mir um menschliche Szenen, die berühren. Die Szene über diesen Anschlag etwa war eine wichtige, aber auch schwierige Episode. Wie viel Gewalt will oder soll man zeigen? Channa Maron sagte später, als sie ihr Bewusstsein verlor, sei alles in einem Blau verschwommen. So ist die Hälfte dieser Seite in Blau getaucht. Sie sagte auch, ihr letzter Gedanke sei die Rolle gewesen, für die sie gerade probte: Medea. Eine Rolle, die im Theater für furchtbare Rache steht. In der nächsten Szene sieht man also, wie sie die Medea mit einer Perücke spielt. Und dann legt sie die Perücke ab – und damit auch diese Rolle, die die Rache verkörpert und all das, was sie nicht werden will.

 

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Was haben Sie im Kopf, wenn Sie so ein Buch beginnen: Worte oder Bilder?

In diesem Fall hatte ich tatsächlich Sätze im Kopf, weil ich ja mit vielen Leuten gesprochen hatte. Aber ich habe mich auch gleich hingesetzt und lockere Portraits gezeichnet. Ich muss mich an ein Thema heranzeichen. Das sind oft Bilder, die ich nachher nicht mehr verwerte, doch das Zeichnen hilft mir, weiterzudenken. Ich erfahre etwas über meine Figuren, wenn ich sie sehe. Dann kommen die ersten Vorzeichnungen und es geht mit Buntstiften und Tuschefarben weiter, immer Wort und Bild miteinander verschränkt. Und immer wieder fällt mir beim Zeichnen auf, was ich nicht weiß: Wie sah dieses Theater aus? Was trug man zu der Zeit? Ich habe eng mit einem Lektor und einem Historiker zusammengearbeitet und alles so gut wie möglich recherchiert.

 

Wie viel entsteht analog, wie viel am Computer?

Für mich ist es wichtig, analog zu arbeiten, und ich bleibe so lange wie möglich am Zeichentisch. Die Hürden, die man dort noch hat – dass das Papier irgendwann durch ist, dass man zuviel radiert – bringen einen auch immer wieder an die Grenzen. Ich kann das Papier auseinanderschneiden und neu zusammenkleben, das ist gut für meinen Denkprozess.

 

Sie leben und arbeiten in Deutschland, aber Ihre ersten Bücher sind in Frankreich erschienen. Wie unterscheidet sich die deutsche von der französischen Comicszene?

Das Comiczeichnen ist in Frankreich ein Beruf, dem mehr Verständnis und auch Selbstverständlichkeit entgegengebracht wird. Die französische Comicszene ist reichhaltiger, mit einer größeren Tradition auch als in Deutschland. Inzwischen bin ich aber auch sehr froh, in der hiesigen Szene beheimatet zu sein, weil sie sehr experimentierfreudig ist und wir nicht erst Traditionen aufbrechen müssen, um etwas Neues auszuprobieren. Ich fühle mich hier sehr frei. Die deutsche Szene ist auch deutlich weiblicher besetzt – in Frankreich wurde ich manchmal gefragt, ob ich die Freundin des Zeichners sei. Aber letztlich empfinde ich es als großes Glück, dass ich von beiden Seiten profitieren kann.

 

Barbara Yelin in fünf Eckdaten

1977: Barbara Yelin wird am 26. Juli in München geboren.

2004: Ihre erste Comicgeschichte "Le visiteur" erscheint in Frankreich.

2010: Mit ihrer Geschichte "Gift" über die Bremer Giftmörderin Gesche Gottfried (mit Autor Peer Meter) veröffentlicht sie ihr erstes Comicbuch in Deutschland.

2015: Für ihr Buch "Irmina" über eine Mitläuferin im Nationalsozialismus erhält Barbara Yelin den Bayerischen Kunstförderpreis für Literatur.

2016: Sie erhält den Max-und-Moritz-Preis als beste deutsche Comic-Künstlerin.