Fotografie

Die Unbeugsamen: Lela Ahmadzais Portraits afghanischer Frauen

Die Fotografin Lela Ahmadzais begleitet afghanische Frauen mit der Kamera.
Fotografie: Die Portraits von Lela Ahmadzai
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Fotografie: Die Portraits von Lela Ahmadzai

 

Frau-Sein in Afghanistan ist ein Balanceakt zwischen Selbstbestimmung und traditioneller Rollenzuschreibung. Wie fragil die Frauenrechte in einem Land sind, das sich derzeit wieder einmal an einem neuralgischen Punkt befindet, hat die deutsch-afghanische Fotografin und Multimediajournalistin Lela Ahmadzai in ihren Fotoarbeiten und Kurzfilmen über das Leben von vier Frauen aus unterschiedlichen gesellschaftlichen Schichten in Kabul dokumentiert.

Seit vier Jahren begleitet Lela Ahmadzai, die selbst mit ihrer Familie während des Bürgerkriegs aus ihrer Heimat geflohen ist und seit 1989 in Deutschland lebt, ihre Protagonistinnen mit der Kamera. Wie Afghanistan selbst, ähnelt auch die Situation seiner Frauen dem Verlauf einer Fieberkurve. Lela Ahmadzais Arbeiten machen deutlich, wie eng die individuellen und gesellschaftlichen Rechte der Frauen mit der sich immer wieder radikal verändernden politischen Situation ihres Landes verknüpft ist und wie groß die Furcht dieser Frauen ist, mit dem Wiedererstarken des islamischen Fundamentalismus ihre so mühsam und oft unter Lebensgefahr erkämpften Freiheiten zu verlieren.

Die Politikerin und Frauenrechtlerin Shinkai Karokhail etwa, eine ambitionierte Karrierefrau aus der Upperclass, sieht Bildungsprogramme für Frauen gefährdet, wenn die Familien nicht mehr mitziehen und die Hoffnung auf eine friedliche Zukunft in Afghanistan schwindet.

Oder Pari Ghulami: Als Popstar sichert sie der ganzen Familie ein Einkommen, wird ebenso bewundert wie verachtet, hat tausende Facebook-Fans und erhält doch permanent Morddrohungen. Dass patriarchalische Familienstrukturen einerseits Fesseln sind und gleichzeitig den Frauen Halt bieten, zeigt beispielhaft die Biografie der 35-jährigen Bäckerin Reza Guel. Sie hat sieben Kinder, ist nach dem Tod ihres Mannes mit dem Opium-süchtigen Schwager verheiratet, Analphabetin und Alleinverdienerin. Und doch hat sie sich ein Stück Freiheit erkämpft, denn ihre Bäckerei ist ein sozialer Treffpunkt für Frauen der Umgebung, die sich hier austauschen und auch ihre privaten Probleme besprechen können.  

Gerade erst ist Lela Ahmadzai wieder zurück aus Kabul und bereitet ihre Ausstellung im Berliner Willy-Brandt-Haus vor, die dort ab dem 25.November zu sehen sein wird. Metropolis hat sie getroffen und sie auch zur aktuellen Situation in Afghanistan befragt, wo die Preise explodieren, die Arbeitslosigkeit steigt und immer mehr Menschen das Land verlassen, wo sich Selbstmordattentate häufen, IS-Kämpfer im Osten für Unruhe sorgen und erst Ende September Taliban-Milizen Kunduz eroberten. Für wenige Tage nur, aber es kann wieder passieren.

Lela Ahmadzais Portraits, ebenso poetisch wie politisch, sind eindrucksvolle Plädoyers, die internationale Unterstützung für und in Afghanistan nicht zu beenden. 


Autorin: Petra Dorrmann

Links:
Multimedia-Ausstellung im Willy-Brandt-Haus, Berlin
24.11.2015 – 24.01.2016

Bonus: Im dokumentarischen Kurzfilm-Feature „Stille Nacht“ porträtiert Lela Ahmadzai die Opfer eines Amoklaufes des US-Sergeants Robert Bales 2012 in Kandahar; das Multimedia- Feature wurde 2014 mit dem World Press Photo Award in der Kategorie Kurzfilmfeature ausgezeichnet.
(Copyright: "2470.media“ )

Lela Ahmadzai mit "Stille Nacht"
Lela Ahmadzai mit "Stille Nacht" Lela Ahmadzai mit "Stille Nacht" Lela Ahmadzai mit