die Tradition

die Tradition: die "guinguette"

Karambolage 363 - 24. Mai 2015
Der Sommer naht und Claire Doutriaux hat große Lust, uns auf einen kleinen Ausflug mizunehmen.
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 


Genau, nächsten Sonntag nehme ich Sie in eine„guinguette“mit. Eine „guinguette“ist ein Tanzlokal ganz besonderer Art. Bei dem Wort„guinguette“werden meine Landsleute ganz nostalgisch: Ein sonniger Nachmittag, eine Gaststätte in der Nähe von Paris mit einer Terrasse am Flussufer, weiße Kleider, ein unabgeräumter Tisch, an dem eben noch gegessen und getrunken wurde, man ist etwas matt, scherzt miteinander, schwingt das Tanzbein zu den Klängen einer Kapelle. Das Wort guinguette ruft Erinnerungen an eine vergangene Zeit wach, als die Umgebung von Paris ländlich und noch keine Vorstadt war, die Flüsse nicht verschmutzt waren und die Damen Blumenhüte trugen. Viele denken bei dem Wort„guinguette“an ein Bild von Auguste Renoir, „Le déjeuner des Canotiers“, „Das Frühstück der Ruderer“. Ein canotier ist ein flacher Strohhut mit Band, den die Herren gegen Ende des 19. Jahrhunderts tragen. Sein Name geht auf die Ruderer „canotiers“zurück, welche ihn in Mode brachten.

Damals wird an der Pariser Stadtgrenze eine Steuer, „octroi“, auf die Einfuhr von Waren wie Wein, Kaffee und Zucker erhoben. Um der Steuer zu entgehen, siedeln sich viele Kabaretts und Restaurants außerhalb der Stadtmauern an, besonders hinter den Zollschranken von Menil-Montant und Belleville. Hören Sie diesen Bericht aus dem Jahre 1826, der die Courtille, das Viertel der Tanzlokale in Belleville beschreibt: „An einem lauen Frühlings- oder Sommerabend kann man in Courtille ein wahrhaft kurioses Treiben beobachten… Arbeiter, Bürgerliche, Soldaten, Männer mit Orden, Frauen mit Hauben, mit Hüten, Obstverkäufer, Brötchenverkäufer, alle laufen durcheinander, auf und ab, ohne Hast, ohne sich anzustoßen, und jeder sucht in aller Seelenruhe das Schild einer „guinguette“in der es einen einfachen, feinen Wein gibt, zehn bis zwölf Sous der Liter, 15 Sous die Flasche. Gutes Kalbfleisch, hervorragendes Kaninchenfrikassee, geschmorte oder gegrillte Gans.“ Das Wort„guinguette“ kommt übrigens von genau diesem leicht säuerlichen Wein aus der Pariser Gegend, le guinget, der in den „guingettes“ getrunken wurde.

Als die Pariser Vororte 1860 eingemeindet werden, ziehen die „guinguettes“ weiter weg. Von nun an fährt man von dem neuen Bahnhof Bastille zu den Hunderten von Tanzlokalen, die am Ufer von Seine und Marne eröffnet haben. Die Nachmittage am Wasser werden ein beliebter Zeitvertreib für Pariser auf der Suche nach etwas Abkühlung. Und das Bürgertum lässt sich nicht zweimal zu diesem volkstümlichen Vergnügen bitten, so wie auch die Künstler, die dort Stammgäste sind. Die „guingettes“ wurden von zahlreichen Schriftstellern verewigt, von Gustave Flaubert, Emile Zola, und Guy de Maupassant widmet ihnen mehrere Novellen. Noch bis in die 1950er Jahre hinein tanzt man dort Java, Walzer, Polka… doch die voranschreitende Urbanisierung der Vorstädte nimmt den „guinguettes“ bald ihren Charme. Den Gnadenstoß erhalten sie, als der Staat auf die Umweltverschmutzung reagiert und das Baden in Flüssen in den 60er Jahren verbietet. Sicher, man tanzt auch heute noch in den wenigen „guinguettes“in der Pariser Umgebung. Diese Ausflüge sind jedoch von Nostalgie geprägt, man tut so, als lebe man noch im goldenen Zeitalter der Belle Époque…

Text: Claire Doutriaux
Bild: Florence Miailhe