die Frage

die Frage: das dritte Reich

Karambolage 425 - 25. März 2017
Unsere französische Zuschauerin Cécile Lepetit stellt uns folgende Frage: „Warum nennt man eigentlich das nationalsozialistische Deutschland ‚Drittes Reich’? Gibt es auch ein erstes und ein zweites Reich?“ Wir haben Frau Prof. Dr. Margit Förster, Professorin für neuzeitliche Geschichte gebeten, diese Frage zu beantworten.
Karambolage 425 - le troisième Reich
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Diese Frage, Madame Lepetit, stellen sich sicher auch einige meiner Landsleute, und wie Sie sehen werden, ist die Sache nicht ganz einfach!

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Der Ausdruck „Drittes Reich“ wurde gleich zu Beginn des nationalsozialistischen Regimes von Adolf Hitler selbst verwendet. Schon am 1. September 1933, also sieben Monate nach dem Wahlsieg der NSDAP, verkündet er, der von ihm geführte Staat sei das „Dritte Reich“, das „tausend Jahre“ dauern werde, was für Hitler gleichbedeutend mit „ewig“ war.
Nun, ein drittes Reich setzt logischerweise ein zweites und ein erstes Reich voraus.

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Einerseits geht diese dreiteilige Vorstellung von Geschichte auf ein uraltes Konzept zurück, und zwar auf eine christlichen Heilslehre aus dem Mittelalter, die – vereinfacht gesagt – die Dreifaltigkeit Vater, Sohn und Heiliger Geist drei Zeitaltern zuordnete.
Demnach war das erste Zeitalter das Reich des Vaters, das zweite das Reich des Sohnes, und das dritte Zeitalter oder dritte Reich das ewig währende Reich des heiligen Geistes, das Reich der Erlösung.

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Nachdem ein neues deutsches Reich gegründet und König Wilhelm I. am 18. Januar 1871 im Spiegelsaal von Versailles zum Kaiser proklamiert wurde, begann man dieses neue Reich Zweites Reich zu nennen, während das Erste Reich das heilige Römische Reich Deutscher Nation war.
Dieses begann im Jahr 962 und währte bis ins Jahr 1806. Wie Sie vielleicht wissen, war dieses Reich mit dem etwas pompösen Namen kein Nationalstaat im engeren Sinne, sondern vielmehr ein loser, sich über die Jahrhunderte wandelnder Verbund von Fürsten- und Herzogtümern, der mit den Napoleonischen Kriegen unterging. Also, Erstes Reich: Heiliges Römisches Reich Deutscher Nation, das fast 1000 Jahre währte, Zweites Reich: das Deutsche Reich, das nur 47 Jahre bestand und 1918 mit Ende des Ersten Weltkriegs unterging.

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Was den Begriff „drittes Reich“ angeht, wurde dieser 1923 von dem Nationalisten Arthur Moeller van den Bruck in seinem Buch Das Dritte Reich populär gemacht. Für Moeller van den Bruck entsprach dieses dritte Reich der Vorstellung von einem neuen, mächtigen Deutschland, es sollte ein „großdeutsches drittes Endreich“ sein. Es liegt auf der Hand, warum Adolf Hitler diesen Begriff 10 Jahre später aufgreift, um sein erträumtes nationalsozialistisches Weltreich „Drittes Reich“ zu nennen.
Aber die Gegner des Naziregimes verkündeten ihrerseits bald ein „Viertes Reich“, eben um den Ewigkeitsanspruch von Hitlers Drittem Reich in Frage zu stellen. Mit dem Ergebnis, dass das Reichspropagandaministerium bald die Verwendung des Ausdrucks „Drittes Reich“ untersagte, um diese Kritik mundtot zu machen.
Doch der Begriff hielt sich und wurde vor allem nach Ende des Krieges viel verwendet. Die Besatzer bezeichneten das Naziregime rückblickend weiter als „Third Reich“.

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Noch heute streiten sich allerdings die Historiker und fragen sich, ob man Hitlers Regime mit diesem zugegeben etwas zweifelhaften Begriff bezeichnen sollte. Fakt ist jedenfalls, dass er inzwischen zu einer griffigen Bezeichnung für das Naziregime geworden ist – und das in der ganzen Welt.
Nun, handelt es sich um ein sehr komplexes Thema, doch ich hoffe, Ihre Frage trotzdem beantwortet zu haben.

Text: Maija-Lene Rettig
Bild: Patrick Hepner, Dagmar Weiss