die Fahrradtour

die Fahrradtour: die Kirche der Mennoniten in Hamburg-Altona

Karambolage 390 - 1. Mai 2016
Claire Doutriaux radelt weiter durch Norddeutschland. Sie lädt uns jetzt zu einem Treffen mit dem Pastor der Mennonitengemeinde von Hamburg-Altona ein.
KARAMBOLAGE 390 - l'Église mennonite de Hambourg-Altona
die Fahrradtour: die Kirche der Mennoniten in Hamburg-Altona die Fahrradtour: die Kirche der Mennoniten in Hamburg-Altona die Fahrradtour: die Kirche der Mennoniten in Hamburg-Altona

Heute treffe ich alte Bekannte, Bernie und Do, besser gesagt Pastor Bernhard Thiessen und seine Frau. Hier stehen sie vor der Pfarrei, die an die mennonitische Kirche von Hamburg-Altona grenzt. Ich wollte mehr über diese Kirche erfahren, die in Deutschland an die vierzigtausend Mitglieder zählt.

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Claire: Glocken!
BernieDas ist also jetzt... Keine Mennonitenkirche... Das sind keine mennonitischen Glocken, das hört man ganz genau. Es sind keine Glocken drin, denn Mennoniten haben keine Glocken. Früher durften wir nicht Glocken haben. Die Mennoniten sollten sich ruhig verhalten. Das war die Abmachung. Sie durften sich hier ansiedeln in Altona, aber die Kirche in der Großen Freiheit, wo wir früher waren, die durfte nur in der zweiten Reihe stehen. Da sollten normale Wohnhäuser davorstehen, damit man sie nicht gleich sieht. Dann hieß es bei geschlossenen Fenstern singen, damit man das nicht draußen hört. Und eben wie gesagt keine Glocken, damit man da nicht mehr auf sich aufmerksam macht, als es den Leuten damals lieb war. Und deswegen sind wir da die „Stillen“ im Lande geworden. Eine Besonderheit bei den Mennoniten ist, dass die Kanzel vorne in der Mitte steht. Wir haben jetzt nicht so nen Altar mit dem Christus und dem Gekreuzigten und diesen Bildern, sondern wir kommen aus dieser eher nüchternen Tradition der Reformation, eher aus der schweizerischen reformierten Tradition, und da ist die Kanzel als das Wort Gottes, das von der Mitte aus auf die Gemeinde zugesprochen wird.

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Bernie: Und wir haben vor allen Dingen die Heilige Schrift, die Bibel, die liegt bei uns aus, in dem Sinne, dass wir sagen, das ist unsere Grundlage. Wir haben hier vorne noch die Taufschale, weil wir die Besprengungstaufe haben, also nicht die Untertauchtaufe, sondern tatsächlich nur der Kopf wird sozusagen genässt. Und dann haben wir vorne den Menno Simons. Das ist das älteste Bild, das wir von ihm haben. Ist allerdings hundert Jahre nach seinem Tod gemalt worden. Also ob er wirklich so aussah, das wissen wir alles gar nicht. Er war damals als römisch-katholischer Priester aus der Kirche ausgetreten, ist zu den Täufern gekommen, hat die verstreuten Täufer gesammelt, die überall waren, und hat dadurch sozusagen die Menisten, die Mennonitenkirche gegründet. Er ist nicht ein richtiger Gründer, sondern eher ein Sammler derer, die da damals unterwegs waren. Und er hat die Wehrlosigkeit ganz deutlich in den Mittelpunkt gestellt. 

Also, ich fasse zusammen was ich über die Mennoniten erfahren habe: es ist eine Freikirche, die die Trennung von Kirche und Staat befürwortet, Jugendliche und Erwachsene tauft, weil diese sich bewusst entscheiden können, eine pazifistische Kirche, die das Prinzip der Wehrlosigkeit vertritt. Die wichtigsten Momente des Gottesdienstes sind das Lesen der Bibeltexte und die Predigt.

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Bernie: Also, das ist für mich der schönste Platz, vor allen Dingen am Sonntagmorgen. Das steh ich in der Regel um 6 Uhr auf, es ist alles ruhig, die Familie schläft noch. Und dann sitze ich hier und dann gucke ich raus. Die Birke, die Kirche. Und das ist für mich ein ganz, ganz inniger Platz, sag ich mal. Da kann ich dann meine Predigt noch mal durchgehen, eventuell ergänzen.
Claire: Wie lang ist so eine Predigt?
Bernie: Oh! Ich predige schon zwanzig Minuten. Das ist für landeskirchliche Verhältnisse sehr viel. Manche bei uns denken auch es ist viel. Aber ich sag immer, wie wollt ihr’s in der Ewigkeit aushalten, wenn auch hier schon ne Stunde zu viel ist?

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Ich erinnerte mich, dass Bernies Frau Do keine Mennonitin ist, sondern der lutherisch-evangelischen Kirche angehört, wie die meisten Deutschen. Ist das im Alltag nicht kompliziert?

Do: Ja, das ist die Frage: wo bin ich privat, wo bin öffentlich? Wir wohnen ja auch hier. Wo sind da die Grenzen auch? Des Anstands vielleicht? Genau. Also das sind schon Sachen, die natürlich in meinem Kopf sind.

Aber zum Abschluss hier noch einmal die ersten Bilder, als ich anfangen wollte, Do und Bernie zu filmen.

Claire: Die Glocken. Die dürfen nicht.
Do: Das sind meine Glocken. Das sind meine Glocken! Das ist meine Kirche!

Mir gefiel, dass das Spiel der Glocken der evangelischen Kirche nebenan sich erneut in unsere Mennoniten-Geschichten einmischte...

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Claire Doutriaux
mit: Pastor Bernhard Thiessen & Dorothee Sperber
Grafik: Maija-Lene Rettig, Joris Clerté