die Art und Weise

die Art und Weise: der Ehering

Karambolage 70 - 08. Januar 2006

 

1039082 - alliance1.jpg

Das sind die Hände einer jungen Französin. Sie heisst Jeanne und ist verheiratet. Und hier die Hände einer jungen Deutschen. Sie heisst Renate und auch sie ist verheiratet. Na, sehen sie den Unterschied? Genau! Jeanne trägt ihren Ehering links und Renate trägt ihn rechts. Früher, als Jeanne noch verlobt war, trug sie ihren Verlobungsring an der rechten Hand. Renate trug den ihren an der linken Hand. In der Tat trägt man in fast allen europäischen Ländern den Ehering so wie Jeanne an der linken Hand, nur die deutschsprachigen Länder – Deutschland, Österreich und die Schweiz tanzen aus der Reihe.

Warum? Das ist die Frage, auf die Karambolage seit einem Jahr verzweifelt eine glaubhafte Antwort sucht. Wir resümieren heute für sie eine sehr sehr lange Detektivarbeit: Beginnen wir mit dem Standesamt in Münster: Frau Rayen erzählt uns, dass die Griechen und die Ägypter einer alten Legende nach den Ehering am linken Ringfinger trugen, da angeblich eine Ader, die VENA AMORIS, von diesem Finger direkt zum Herzen, dem Zentrum der Liebe führte. Merkwürdigerweise tragen die Deutschen aus genau dem selben Grund ihren Ehering rechts, denn bei den Germanen führte diese Vene vom rechten Ringfinger zum Herzen. Wo ist denn nun die Liebesvene? Rechts oder links? Keine Antwort.

 

 

Beim evangelischen Stadtkirchenverband Köln findet man die Frage hochinteressant und Frau Al-Mana schickt sofort ihre Pfarrer in die Bibliothek. Ein paar Tage später teilt uns Frau Al-Mana mit, dass keine zufriedenstellende Antwort gefunden werden konnte. Sie schickt uns zum Pressesprecher des Erzbistums Köln, Herrn Becker-Huberti, einem Spezialisten für Brauchtum und Sitten. Herr Becker-Huberti erklärt uns, dass die Protestanten den Ehering eher links und die Katholiken ihn eher rechts tragen. Ein Argument für das "Rechtstragen" finde man in einem Bibelzitat (Exodus 15.6): die rechte Seite ist die gute Seite, die glückbringende. Aber warum, wenden wir ein, tragen die romanischen, also katholischen Länder ihren Ehering dann links? Herr Becker-Huberti windet sich: darauf hat er keine Antwort: Vielleicht sei das ein Versuch alter Erbfeinde sich noch besser voneinander abzugrenzen?

 

 

1039080 - alliance2.jpg

Ein katholischer Priester, Herr Meyer, der sich mit dem Thema näher beschäftigt hat, behauptet, dass der Ehering, als er im 13ten Jahrhundert eingeführt wurde, die Männer zur Treue zwingen sollte. Und weil die meisten Männer Rechtshänder seien, habe die katholische Kirche die rechte Hand vorgeschlagen, da sie häufiger benutzt werde und der Ehering so besser zu sehen sei. Im Volkskundemuseum Hamburg hat man sich die Frage schon oft gestellt. Nein, man habe keine Antwort, wäre aber sehr dankbar, wenn wir zurückrufen würden, sobald wir etwas herausgefunden hätten. Wird gemacht.

 

 

Nach vielen Irrwegen kommen wir zu Herrn Professor Doktor Mezger vom Volkskundeinstitut der Uni Freiburg. Er ist ein interessierter Karambolagezuschauer. Toll, der wird uns sicher helfen. Doch auch Herr Mezger hat bisher noch keine befriedigende Antwort auf diese Frage gefunden. Höchstens subjektive Hypothesen. Und wie lauten ihre, Professor Mezger? Vermutlich gäbe es unterschiedliche Auffassungen davon, welches die "gute Seite" ist und die gleiche Metapher werde verschieden ausgelegt. So sei die Liebesvene in Frankreich links angesiedelt denn das sei ja die glückbringende Seite, in Deutschland sei sie rechts denn dort bringe rechts Glück. Er erinnert uns auch daran, dass es sich in Deutschland ziemt, dass die Frau rechts vom Mann geht, während sie in Frankreich an seiner Linken läuft.

 

Wir haben unser Glück auch bei Trauringherstellern versucht. Einige, zum Beispiel das Haus Gerstner haben Himmel und Erde in Bewegung gesetzt. Bei Niessing, einem Hersteller aus Vreden, hat uns die Schmuckdesignerin Frau Winckler folgendes erklärt: Die Römer trugen ihren Liebesring am vierten Finger der linken Hand. Sie nannten ihn den Goldfinger. Mit demselben Finger mischten die alten Griechen ihre Zutaten für ihre Arznei. Die Hebräer wiederum trugen ihren Ring am Zeigefinger der linken Hand. In Deutschland sei der Ehering im 9ten Jahrhundert von der linken an die rechte Hand gewandert um sich einem Brauch der Geistlichen anzupassen: Sie trugen einen sogenannten Zeremonialring an der rechten Hand, da die Rechte die Verbindung zwischen Jesus Christus und der Kirche darstellte.

Soweit sind wir gekommen. Viele Vermutungen, keine klaren Antworten. Nur eines ist sicher, und das haben wir von Frau Rayen vom Standesamt Münster: Traditionen gehen verloren und die Deutschen wissen gar nicht mehr so genau, auf welcher Seite sie ihren Ehering tragen sollen. Früher, erzählt sie uns, sagte man den jungen Paaren: Vorsicht, stecken sie ihn an die rechte Hand, irren sie sich bloss nicht. Heute sagt man ihnen: Machen sie es wie sie wollen...

 

Text: Corinne Delvaux

Bild: Sabine Allard

 

Klicken Sie hier

die Art und Weise: der Ehering finden Sie auf der DVD 4