der Ort

der Ort: der Biergarten

Karambolage 365 - 6. September 2015
Ach, bald ist der Sommer vorbei, aber vorher kehren wir mit Jeanette Konrad noch in einen zünftigen bayrischen Biergarten ein...
KARAMBOLAGE N° 365 - Biergarten
der Ort: der Biergarten der Ort: der Biergarten der Ort: der Biergarten

Die schönsten Erinnerungen an die fünf Jahre, die ich in München gelebt habe, sind nicht etwa die Dürer-Gemälde in der Alten Pinakothek oder das Lenbachhaus. Auch nicht der Viktualienmarkt oder das wunderschöne Müllersche Volksbad. Nein, die besten Stunden in Bayern habe ich in einem der zahlreichen Biergärten verbracht.
 
Biergarten, der Name verrät schon die zwei wichtigsten Elemente dieser urbayerischen Institution: ein Garten, in dem Bier getrunken wird. 
Und so muss man sich das vorstellen: Der Boden ist meist mit Kies bedeckt, darauf Holztische und –bänke, darüber die Wipfel von riesigen Kastanien. Unter ihnen sitzen die Besucher des Biergartens und  trinken, nun ja, Bier. In allen Varianten: Weißbier, Helles, Radler, das ist Bier mit Zitronenlimonade, Russ, also Weißbier mit Zitronenlimo… alles natürlich in Ein-Liter-Krügen, bei deren Anblick es den Franzosen, die Bier normalerweise aus zierlichen 25-Centiliter-Gläsern trinken, die Sprache verschlägt. Für Stimmung sorgt manchmal eine Blaskapelle oder eine Schuhplattlervorführung – bei der man fesche Lederhosen und stramme Waden bewundern kann.

biergarten_1.jpeg

Zum Bier kann man sich in Selbstbedienung warme und kalte Speisen kaufen, und zwar allerlei bayerische Schmankerl wie Hendl, Weißwürste, Riesnbrezn, Radi, also Rettich, der zuerst zum Weinen gebracht werden muss, Wurstsalat, Spareribs oder Obazda, eine Art Streichkäse aus Camembert, Butter, Kümmel, Paprika und… Bier, doch, doch, das schmeckt! Zudem werden oft sogenannte Steckerlfische, also gegrillte Makrelen angeboten, die wegen ihres strengen Geruchs meist am Rande platziert sind. So gesättigt steigen dem Besucher die Biermengen, die er dazu trinkt, nicht zu schnell zu Kopf. 

Bierausschänke gibt es seit vielen Jahrhunderten. Schon im Mittelalter braute man Bier in heißen Siedekesseln. Doch dieses Verfahren löste in den trockenen Sommermonaten oft Brände aus. Deshalb statuierte die bayerische Brauordnung 1539, dass das Bierbrauen nur zwischen dem 29. September und dem 23. April erlaubt sei. Von Mai bis Oktober gab es deshalb damals kein neues Bier. Es bedurfte also eines gewissen Vorrats für den Sommer und so machten sich die Brauer daran, das Bier in kühlen Kellern an den Uferhängen der Isar rund um München zu lagern. Um den Kühleffekt noch zu verstärken, streute man Kies auf den Hang und pflanzte darauf Rosskastanien an, die Schatten spenden und außerdem mit ihren flachen Wurzeln die Keller nicht beschädigen. 

Sie ahnen, wie es weitergeht: Bald benutzten die Brauer die Fläche über den Bierkellern auch zum Ausschank, servierten Brotzeiten dazu und diese Biergärten wurden schnell zu einem beliebten Ausflugsziel der Münchner. Allerdings sehr zum Ärger der Münchner Wirte, denen diese Konkurrenz ein Dorn im Auge war. Der König höchstpersönlich, Max I., musste den Streit 1812 beenden und verordnete, dass im Biergarten zwar Bier ausgeschenkt werden darf, der Verkauf von Speisen jedoch von nun an verboten sei. Damit bereitete er den Weg zu einer der geselligsten Eigenschaften des Biergartens überhaupt: das mitgebrachte Picknick. 

biergarten_5.jpeg

Heute werden im Biergarten natürlich längst wieder Brotzeiten verkauft, aber das Picknick hat sich gehalten – vor allem bei den älteren Besuchern –, und nicht selten sieht man Gruppen, die aus ihren Weidenkörben neben einer schönen Tischdecke, Porzellantellern, Besteck und Stoffservietten die köstlichsten Leckereien zaubern… und es kommt fast zu einem kleinen Wettkampf um das schönste und üppigste Picknick! 
Sehnsüchtig schielt man auf den deftigen Kartoffelsalat mit Speck und Kümmel des Nachbarn, denn natürlich wird im Biergarten zusammengerückt -  Plätze reservieren ist nicht gern gesehen! – aber ein freundliches „Mögen’s probieren?“ lässt meist nicht lange auf sich warten. So kommt man miteinander ins Gespräch, das Bier tut sein Übriges, und wie oft habe ich schon Rentner in bayrischer Tracht mit Studenten, Bauarbeitern und Büroangestellten über die neusten Entscheidungen der Bundesregierung streiten sehen, oder darüber, ob der Schaum beim Weißbier schneller abnimmt als beim Hellen… Kurz, im Biergarten vermischen sich alle Altersstufen, alle Klassen, ja, ein Heimatdichter bezeichnete ihn einmal sehr treffend als "bayrische Form des Kommunismus". Und dass es so etwas im tiefschwarzen Bayern gibt, ist allein schon einen Besuch wert!

biergarten_2.jpeg

Text: Jeanette Konrad
Bild: Christine Gensheimer & Timo Katz