der Gegenstand

der Gegenstand: die "motocrotte"

Karambolage 122 -22. July 2007

 

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Die Franzosen lieben die Technologie. Sie haben den TGV, den Minitel und die Chipkarte erfunden. Außerdem lieben die Franzosen Hunde. Allein in gibt es 200 000 Hunde.
Die Franzosen lieben es jedoch nicht, ihre Hundehaufen aufzusammeln. Es liegen täglich 16 Tonnen Hundedreck auf den Pariser Bürgersteigen! Weil die Franzosen aber die Technologie lieben, haben sie dafür eine tolle Lösung gefunden: die Motocrotte! 

Die Motocrotte gibt es seit 1982, als Jacques Chirac noch Bürgermeister von Paris war. Es handelte sich dabei um eine bahnbrechende Erfindung, die jahrelang, genauer gesagt von 1982 bis 2004 Frankreich den Ruf als Spitzenreiter für Alltagstechnologie verschaffte. Die offizielle Bezeichnung ist "caninette", von canin, Hund, und net, sauber, oder trottinet, eine Mischung aus trottoir und net. In den Sprachgebrauch eingegangen ist jedoch das Wort Motocrotte. Moto wie das Motorrad und crotte wie der Hundehaufen. Motocrotte, das klingt wie Motocross, diese lärmende, männliche Sportart, bei der halsbrecherische, schlammverdreckte junge Männer auf ps-starken Motorrädern über unwegbares Gelände jagen.

 

Die Motocrotte ist das genaue Gegenteil. Sie ist ein Motorrad, das in Schrittgeschwindigkeit auf die Bürgersteige klettert um, einem Ameisenbär gleich, ein Hundehäufchen nach dem anderen aufzusaugen. Sie ist hinten mit einem Behälter ausgestattet und vorne mit einer Art Staubsaugerschlauch, der zuerst eine desinfizierende Flüssigkeit spritzt, und dann das Häufchen absaugt. Der städtische Bedienstete, der vermutlich lieber etwas anderes mit seinem Motorradführerschein gemacht hätte, als Hundedreck aufzusaugen, ist nicht immer stolz, auf diesem seltsamen Elefanten gesehen zu werden. Zum Glück hat er einen Helm…

Zur großen Enttäuschung der Touristen gibt es in keine Motocrotte mehr. Man findet sie jedoch noch in Vororten wie , in die sie sich geflüchtet haben, seit Bertrand Delanoë, der sozialistische Pariser Bürgermeister sie im April 2004 abschaffte. Warum? Weil diese Säuberungsmethode im Grunde gar nicht sonderlich wirksam war. Die Motocrottes saugten nur 20 % von dem auf, was sie aufsaugen sollten und bliesen gleichzeitig auch noch Abgase in die Luft. Außerdem sind sie sehr teuer. Seitdem will Bertrand Delanoë den Franzosen Bürgersinn eintrichtern: Es gibt kostenlose Tütchen um das Unvermeidliche einzusammeln, und für die Unverbesserlichen eine Strafe von 183 Euro. In Deutschland ist das schon lange gang und gäbe. Den Pariser Strassen nach zu urteilen, hat Delanoë viel zu tun. Ich wünsch ihm viel Glück, oder wie man in Frankreich sagt: Merde.

Text: Nikola Obermann

Bild: Sabine Allard


 

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