der Gegenstand

der Gegenstand: die Ente

Karambolage 208 - 09. Mai 2010
In einem Anflug von Nostalgie kommt Corinne Delvaux auf ein Auto zurück, das in Frankreich Geschichte geschrieben hat: die Ente.

Vor dem zweiten Weltkrieg sind Autos noch Luxus, für Herren mit Zylinder und Damen mit bänderverziertem Hut… Und als das Automobil dann am Fließband hergestellt wird, wird es zwar erschwinglicher, bleibt aber dennoch den reichen Klassen vorbehalten, weder Arbeiter noch Landwirte können es sich leisten.

1937 macht Pierre Michelin, der neue Direktor von Citroën, seinen Ingenieuren daher sehr präzise Vorgaben: "Ein Wagen für vier Personen, der 50 km/h fährt und so stoßgedämpft ist, dass er einen Korb Eier über ein frisch gepflügtes Feld fahren kann, ohne dass ein einziges zerbricht!" Die Ingenieure machen sich an die Arbeit. Bald verlässt ein Protoyp die Werkstatt, der eher spartanisch ausgestattet ist. Ein einziger Scheinwerfer vorne, zum Starten eine Handkurbel, ein Dach aus Leinen und hochklappbare Fenster, damit man beim Abbiegen mit dem Arm die Richtung angeben kann! Der Wagen fürs einfache Volk wird vorerst 250 mal gebaut. Der Tod des Direktors bei einem Autounfall und der Kriegsbeginn verzögern allerdings die Vermarktung des rudimentären Gefährts.

Die deutschen Besatzer versuchen hartnäckig, die Pläne dieses "Volks-Wagens" einzusehen. Es gelingt ihnen aber nicht. Allerdings wird 1941 die Citroënfabrik in Paris bombardiert und die wertvollen Pläne vernichtet… Nach Kriegsende geht man bei Citroën wieder an die Arbeit und verbessert so manches. Der Scheinwerfer bekommt zum Beispiel einen kleinen Bruder, und anstelle der Anlasserschnur werden eine Batterie und ein elektrischer Anlasser eingebaut. Der "2 CV" wird offiziell auf dem Autosalon im Oktober 1948 präsentiert und kommt bei den minder betuchten Besuchern großartig an. Die Reicheren nennen ihn spöttisch "Sardinenbüchse", wegen der langen Plane aus Leinen, die zusammengerollt und hinten am Wagen festgemacht wird.

Ab Juni 1949 werden diese neuen "2 CVs" am Fließband montiert. Und zwar rund um die Uhr. Es gibt so viele Bestellungen, dass Citroën sich seine Kunden aussuchen kann. Diese müssen eine Bewerbung schreiben, nach der entschieden wird, wer einen Wagen kaufen darf! Die Wartezeiten betragen drei bis fünf Jahre. Goldene Zeiten für Automobilhersteller… Der Wagen, den man auch "deux pattes" - "zwei Füße" - oder "deuche", nennt - kurz für "deux chevaux", also zwei Pferdestärken - wird nun stetig verbessert. Damit die hochgeklappten Fenster nicht mehr auf die Ellenbogen fallen, werden Gummihaltestopper angebracht. Gut, es ist nicht das bequemste Auto, dafür aber ein Symbol für Unverwüstlichkeit, für einfache und robuste Mechanik.

Nach Mai 68 hat der "2 CV" seine Hippiephase. Es wird zum Symbol der französischen Jugend, zu einem regelrechten Mythos. Das robuste, sparsame und billige Auto durchquert die Hochebene von Larzac, erklimmt mühsame afghanische Gebirgspässe und rollt durch Katmandu. Das klapprige Gefährt ist das Gegenteil der klassischen, ps-starken Limousinen und gefällt Holländern und Deutschen, die seinen französischen Charme schätzen. Was sie jedoch nicht davon abhält, es "Ente" zu nennen, nach dem Märchen von Hans Christian Andersen: Das hässliche Entlein. Wie respektlos!

Doch plötzlich bekommt die Ente Konkurrenz, andere Hersteller entdecken die Marktlücke. Der Absatz sinkt, trotz limitierter Sonderserien, die großen Erfolg haben, wie der Charleston, der Dolly oder der Cocorico. Anfang der 80er Jahre verschmähen viele Länder die Ente auch wegen neuer Sicherheits- und Umweltschutznormen... 1988 verbreitet sich die Nachricht, dass ihre Herstellung eingestellt werden soll, wie ein Lauffeuer. Unterschriften werden gesammelt. Eine Welle des Protests geht durch Frankreich. Citroën befürchtet einen Imageverlust und schiebt die Entscheidung hinaus. Die Fabrik in Frankreich wird geschlossen, man produziert allerdings weiter im Ausland. Doch es hilft nichts, zwei Jahre später, am 27. Juli 1990, läuft in Portgual um 16 Uhr die letzte Ente vom Band.

 

Text: Hubert Delobette & Claire Doutriaux
Bild: Olivier Martin

der Gegenstand: die Ente finden Sie auf der DVD 9