der Gegenstand

der Gegenstand: die Bild-Lilli

Karambolage 332 - 4. Mai 2014

Sie wissen alle, was das ist: eine Barbie Puppe. Was das ist, wissen Sie auch: eine Bild Zeitung. Und hier nun ein Rätsel: Welcher Zusammenhang besteht zwischen der Barbie Puppe und der Bild Zeitung? Beide beginnen mit B? Stimmt. Beide verkaufen sich Tag für Tag millionenfach, richtig. Fällt Ihnen noch etwas ein? Ich werde Ihnen helfen. Ob Sie’s glauben oder nicht, die Bildzeitung hat die Barbie erfunden!

Hören Sie: 1952, als die erste Bildzeitung erscheint, beauftragt die Redaktion den Zeichner Reinhard Beuthien damit, eine Comicfigur zu erfinden, die sie als Lückenfüller benutzen will, falls einmal ein Artikel ausfällt. Beuthien zeichnet ein Baby. Das gefällt dem verantwortlichen Redakteur nur mittelmäßig, weswegen er den Vorschlag nach eigenen Vorstellungen ändern lässt. Man behält das Babygesicht bei, peppt es jedoch mit Schmollmund, Pony, Pferdeschwanz und Pin-up-Körper auf. Lilli tauft man das spärlich bekleidete Geschöpf, das sich kess, freizügig, und autonom gibt. Obwohl Lilli berufstätig ist, lässt sie sich – wohl um ihre schicke Garderobe zu finanzieren- gerne von älteren Herren aushalten und spricht offen über Sex, was im prüden Nachkriegsdeutschland einschlägt wie eine Bombe. Tja, Lückenfüller ist nicht: die Bild-Leser reagieren auf die Blondine mit so großer Begeisterung, dass sie eine eigene Rubrik bekommt.

1953 hat dann jemand, vermutlich ein Mann, die Idee, die Figur dreidimensional zu gestalten und als Bild-Maskottchen zu verkaufen. Gesagt, getan. Der Spielzeughersteller Rolf Hausser, der zu Kriegszeiten noch ganz linientreu Soldaten- und SS-Figuren goss, kreiert ein Sex-Symbol aus Plastik, das zwar den Kopf ganz kokett schief halten kann, die Beine aber immerhin züchtig parallel hält. Die scharfe Puppe, deren Zielgruppe zuerst nur Männer sind, wird in einer durchsichtigen Plastikröhre feilgeboten, sie hat stets eine Miniatur-Bild-Zeitung unterm Arm, und auf dem Sockel steht: Bild-Lilli. Bald kann man modische Outifits dazu kaufen, die werden von Haussers Schwiegermutter entworfen und reichen vom Minirock bis zum Dirndl. Die Puppe in der Röhre verkauft sich auch im Ausland, dort aber mit einem Sockel ohne Verweis auf die Boulevardzeitung.

Und jetzt kommt Ruth Handler ins Spiel, die Mitbegründerin der amerikanischen Spielzeugfirma Mattel. Auf einer Europareise mit ihrem Mann Elliot und ihren Kindern Barbara und Ken entdeckt sie die Bild-Lilli in einem Schweizer Schaufenster und kauft sie sofort, denn sie will ihre Tochter – und später den Rest der Welt- mit einer Puppe beglücken, die im Gegensatz zu den damals existierenden Puppen keine Mutterinstinkte weckt. Das ist bei Lilli - gelinde gesagt - der Fall. Mattels neue Puppe gleicht der Bild-Lilli wie ein Zwilling. Vor allem aber hat sie dieselben unrealistischen Maße - Maße mit denen Wissenschaftlern zufolge kein menschliches Wesen lebensfähig wäre, weil in solch einem Körper gar kein Platz für alle lebenswichtigen Organe wäre, aber gut. Mattel lässt die Puppe in Japan herstellen und bringt sie am 9. März 1959 auf der International Toy Fair, der internationalen Spielzeugmesse in New York heraus, mit dem romantischen Namen Ponytail Number, Pferdeschwanz Nummer 1. Später bekommt sie den Spitznamen von Tochter Barbara: genau, Barbie.

1964, als die amerikanische Barbie schon längst Millionen von Dollars einbringt, kauft die Firma Mattel dem deutschen Hersteller Rolf Hausser schließlich die Rechte an der Puppe ab, für 69.500 DM, knapp 35000€. Hausser, der seine Lilli nun nicht mehr produzieren darf, meldet ein paar Jahre später Bankrott an. Mattels Barbie, die jeder Feministin ein Dorn im Auge ist, gehört heute zu den meistverkauften Puppen aller Zeiten. Die Bild-Lilli hat nur noch Sammlerwert.

Text: Nikola Obermann
Bild: Olivia von Pilgrim