der Gegenstand

der Gegenstand: der Pfandring

Karambolage 440 - 09. September 2017
Als der Franzose Cédric Dolanc letztens in Deutschland war, ist er auf einen sehr seltsamen Gegenstand gestoßen, aber sehen Sie lieber selbst.
Karambolage 440 - le « Pfandring »
der Gegenstand: der Pfandring der Gegenstand: der Pfandring der Gegenstand: der Pfandring


Haben Sie so etwas schon einmal gesehen? Ein orangefarbener Ring mit Öffnungen, der einen öffentlichen Mülleimer ziert. Das Ding ist ein „Pfandring” und glaubt man seinem stolzen Erfinder, ist es nichts geringeres als eine „Brücke über die sozialen Ungerechtigkeiten”.

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Wie jeder weiß, werden in Deutschland Altflaschen nicht umgehend recycelt, sondern von den Kunden gegen Pfand ins Geschäft zurückgebracht. Dann werden sie gesäubert und wiederverwendet. Und das bis zu 50 Mal. Das System stammt aus den 50er Jahren. Damals gibt es nur auf Bierflaschen Pfand, später kommen Wasser- und Limonadenflaschen dazu. Im Jahr 2003 wird schließlich sogar das Dosenpfand eingeführt. Die Sache musste sich anfänglich noch einspielen, aber seitdem die meisten Geschäfte verpflichtet sind, Flaschen und Dosen zurückzunehmen, sogar wenn sie woanders gekauft wurden, läuft das prima. In praktisch allen deutschen Supermärkten findet man heutzutage große Leergutautomaten. Der Kunde steckt seine Flasche oder Dose hinein und erhält eine Gutschrift, die er an der Kasse einlöst. Für eine Flasche kann es bis zu 25 Cent Pfand geben. 

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Tja, und seit ein paar Jahren kann man in Deutschland ein gesellschaftliches Phänomen beobachten: die „Flaschensammler”. Wie ihr Name schon sagt, sammeln sie Flaschen oder Dosen, und lassen sich das Pfandgeld auszahlen, das können pro Tag immerhin 10 – 20 Euro sein. Es gibt eben auch in Deutschland immer mehr bedürftige Menschen. Für manche ist das Flaschensammeln das einzige Einkommen, aber auch viele Rentner, Studenten oder Berufstätige können ein kleines Zubrot gebrauchen.
Da hat ein gewisser Paul Ketz eine Idee: er konzipiert einen ovalen Ring, in den ein Dutzend 8 cm große Öffnungen eingelassen sind. Eine darin abgestellte Flasche ragt zu zwei Dritteln über den Ring hinaus und kann so problemlos eingesammelt werden. Das ist der „Pfandring”. Dieses Modell heißt übrigens „Ufo”. Je nach Mülleimer, Bedarf und Fantasie ändert der Pfandring seine Form. Hier die Modelle Banane und Baguette… Paul Ketz bringt seine Erfindung probeweise an zwei Kölner Mülleimern an und filmt heimlich die Reaktionen der Fußgänger. Und siehe, es funktioniert! Das Projekt kommt so gut an, dass Ketz 2012 sogar die Anerkennung der Jury für den Bundespreis ecodesign bekommt. Doch erst im Jahr 2014 traut sich eine Stadt, und zwar Bamberg, zwei dieser Ringe anzubringen. Andere Städte folgen und heute zieren an die 400 Pfandringe die bundesdeutschen Mülleimer.

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Eine geniale Idee? Jein. Manche Städte haben ein Problem mit den Glasscherben, die sich außerhalb der Mülleimer anhäufen, wenn die eine oder andere Flasche zerbricht, und schrauben ihre Pfandringe wieder ab. Auch heißt es, dass die Vorrichtung, dadurch, dass sie das Sammeln erleichtere, den echten Flaschensammlern gar nicht zugute komme. Denn das dort abgestellte Leergut werde nun auch von denen eingesammelt, die weniger bedürftig seien. Sie sehen, es ist noch zu früh, um abschätzen zu können, ob der Pfandring bald an jedem deutschen Mülleimer zu sehen ist, oder ob er eines Tages selbst darin landet.

Text: Cédric Dolanc
Bild: Christine Gensheimer & Timo Katz