Vernetzte Objekte

Sind Daten die besten Helfer der Feuerwehr?

Sendung vom 7. November 2015
Mit Anbruch der Digital-Ära haben sich auch die Sicherheitssysteme verändert. Seit einigen Jahren schwören manche Feuerwehrkasernen auf Big Data. Von Algorithmen abgeglichene Datenbestände erlauben es, Risikogebiete zu erkennen und helfen dabei, bei Einsätzen die besten strategischen Entscheidungen zu treffen. Ein enormer Vorteil, denn bei Unfällen und Feuern zählt jede Sekunde. Feuerwehrleute und Daten – ein Gewinnerteam?

Mehr Information für bessere Entscheidungen

Ein Feuerwehreinsatz will gut vorbereitet sein und besteht aus mehreren Etappen. Als erstes muss sich die Kommandozentrale ein Bild vom Einsatzszenario machen. Dafür benötigt sie Informationen, etwa über den Einsatzort oder tatsächliche bzw. potenzielle Opfer. Erst dann entscheidet sie, welche Einsatzkräfte zur maximalen Sicherheit der Feuerwehrleute, zur Rettung der Menschen, zur Kontrolle und zum Löschen des Feuers sowie zur Nachsicherung des Einsatzortes benötigt werden. Gut strukturierte Informationsnetze dienen dabei nicht nur der Kommandozentrale, sondern auch den Feuerwehrleuten vor Ort zur taktischen Entscheidungs- oder Kommunikationshilfe. Dies erfordert die Auswertung von Datenbeständen, die allen am Einsatz Beteiligten zur Verfügung gestellt werden müssen.

Manche Kasernen entwickeln Tools zur Entscheidungshilfe für Einsatzszenarien, wie z. B. deepsense.io, Gewinner eines von der Universität Warschau und der städtischen Feuerwehr organisierten Wettbewerbs, andere stützen sich auf Anwendungen für Google Glass, mit denen sie in Echtzeit während eines Einsatzes über alle erforderlichen Informationen verfügen können (siehe Erklärung in unserer aktuellen Ausgabe von Heute ist schon morgen). Es gibt auch Kasernen, die sich mit den städtischen Datenverarbeitungsdiensten zusammentun, um an so viele Informationen wie möglich zu kommen. Zum Beispiel in Boston, wo eine solche Zusammenarbeit im vergangenen Juli angekündigt wurde.

„Je besser unsere Feuerwehr ausgestattet ist, um Kenntnis über das Einsatzszenario zu erlangen, umso effizienter kann sie arbeiten“, erklärte der Feuerwehrchef der Stadt Boston, Joseph E. Finn, dem Boston Herald. „Wenn so viel auf dem Spiel steht, zählt jede Sekunde und jede Entscheidung.“

Aber das ist nicht die erste Initiative dieser Art. Hinter dem 2008 in den USA entwickelten NICS-Verfahren zur Führung und Leitung von Feuerwehreinsätzen steht eine Software, die riesige Datenbestände verwaltet. Das System ist in der Lage, vor Ort ankommenden Einsatzkräften einen genauen Sachstand über die Situation zu liefern und kontinuierlich während des gesamten Einsatzes in Echtzeit Informationen durchzugeben, um die Einsatzleitung bei ihren Entscheidungen zu unterstützen. Das System wurde sehr rasch auch auf andere Katastropheneinsätze ausgeweitet, z. B. bei den Überschwemmungen in San Bernardino, Kalifornien, oder zur Ortung von Opfern des Erdrutschs in Oso, Washington.

 

Algorithmen als beste Freunde der Feuerwache?

Die Nutzung von Daten beschränkt sich allerdings nicht auf die Einsatzleitung, sondern dient manchen Feuerwehrkasernen auch zur Prävention. Beim Data Mining werden statistische Methoden auf große Datenbestände angewandt. In New Yorker Feuerwachen ist diese Technik bereits seit zwei Jahren gang und gäbe. Ein echter Vorstoß für den Big Apple, wo jedes Jahr rund 3 000 der insgesamt eine Million Gebäude der Stadt in Flammen aufgehen. Die Feuerwehr ermittelt Risikoviertel anhand bestimmter Kriterien, angefangen bei der Armut:

„Wir haben einen Zusammenhang festgestellt zwischen Brandhäufigkeit und sozial benachteiligten Stadtteilen“, bestätigt Jeff Chen, Leiter der Datenauswertung, bei dem Big Data Innovation Summit in Las Vegas 2013.

Aber es werden auch andere Daten berücksichtigt, wie Alter der Gebäude, gemeldete Stromschäden, Vorhandensein von Fahrstühlen, automatischen Feuerlöschern, Hausmeistern usw. Die Verwertung von derlei Informationen mag selbstverständlich erscheinen, aber es gab bisher keine Software, die den Abgleich unterschiedlicher Datenbestände und dadurch die Ermittlung von Risikozonen ermöglichte.

Insgesamt werden inzwischen mehrere hundert Eigenschaften berücksichtigt und der mathematischen Strenge der Algorithmen untergeordnet. Für ihre wöchentlichen Routinefahrten erhalten die Feuerwehrleute eine Liste mit den brandgefährdetsten Gebäuden, die prioritär kontrolliert werden müssen. Eine vernünftige Entscheidung für diese Stadt, die aufgrund von Haushaltskürzungen die Anzahl der Patrouillen senken musste. Mit Daten können also nicht nur mehr Leben gerettet, sondern auch Ausgaben gemindert werden.

Von Camille Gicquel