Stadtplanung

Schwimmende Häuser, Städte, Länder – wohnen wir in Zukunft auf dem Meer?

Schwimmende Häuser könnten eine Antwort auf das Problem der stetig wachsenden Weltbevölkerung und die Bedrohung durch den weltweiten Anstieg des Meeresspiegels sein. Kein Wunder, dass die Vorstellung einer schwimmenden Behausung immer mehr Freunde findet.

Siedlungen, Wohnviertel, ganze Städte oder sogar Mikrostaaten – das Konzept schwimmender Lebensräume beflügelt die Phantasie von Architekten und Designern in der ganzen Welt. Auf geht’s zu einer Entdeckungsfahrt rund um die Welt von Edinburgh bis Lagos, um die verschiedenen schwimmenden Projekte vom einzelnen Haus bis zum kompletten Staatswesen näher kennenzulernen. 

 

Schwimmende Wohnbauten: eine Idee so alt wie die Menschheit

 

Die Tanka in Hongkong oder die Uros am Titicaca-See leben nicht erst seit dem beginnenden Klimawandel auf dem Wasser. Schon seit vielen Hundert Jahren ist es technisch möglich, schwimmende Behausungen zu bauen. Die zunehmende Bevölkerungsdichte in den Ballungsräumen und der Trend „zurück zur Natur“ haben jetzt allerdings dazu geführt, dass diese Alternative von immer mehr Menschen ernsthaft in Erwägung gezogen wird.

 

Die Niederländer waren schon immer den Launen der Nordsee ausgeliefert und haben gelernt, ihre urbane Entwicklung mit dem Wasser zu planen. Im Amsterdamer Stadtviertel IJburg erhält dieses Zusammenleben von Mensch und Wasser eine neue Dimension. Deiche und Kanäle haben hier einer schwimmenden Wohnsiedlung Platz gemacht. Den Bewohnern bietet sie ein einmaliges Lebensgefühl, den Bauherren dagegen eröffnet sie die Möglichkeit, eine schier unerschöpfliche Menge „Baugrund“ zu erschließen. 

 
 

 

Selbstverständlich bedeutet „zurück zur Natur“ nicht einfach nur, auf dem Wasser zu wohnen – auch die Gebäude selbst müssen ökologisch sein. In Edinburgh baut das Unternehmen SRT (Sustainable Renewable Technology) gerade ein schwimmendes Dorf im Hafen von Leith. Die Stromversorgung der schwimmenden Wohneinheiten soll über Solarmodule erfolgen.

 

Um schwimmende Wohnviertel zu errichten, braucht man zunächst einmal schwimmende Häuser. Zahlreiche Unternehmen haben sich daher auf den Bau dieser besonderen Behausungen spezialisiert. Das folgende Video bietet eine virtuelle Führung durch das Hausmodell Kevell, das von dem Unternehmen Aquashell entwickelt wurde. Eine interaktive Besichtigung ist unter diesem Link möglich. 

 

 

Die recycelte Insel, die ihrer Zeit voraus war

 

Mit der künstlichen Insel aus recycelten Abfällen wollte das niederländische Architekturbüro WHIM wohl zu viele Probleme auf einmal lösen: Überbevölkerung, Umweltverschmutzung, Anstieg der Meeresspiegel… Es wäre einfach zu schön gewesen. Als die Entwickler versuchten, die Mittel für den Bau dieser Insel über eine Crowdfunding-Plattform zusammenzubekommen, erwies sich das Projekt schlicht und einfach als zu ehrgeizig. Doch auch wenn die Umsetzung vorläufig an der Finanzierung gescheitert ist – die Baupläne existieren und harren der Zuwendungen umweltbewusster Mäzene.  

 

Eine schwimmende Schule in den Slums

 

Wer den Film „Beasts of the Southern Wild“ gesehen hat, dürfte mit diesem Gebäudedesign bereits vertraut sein. Der Slum Makoko in der Bucht von Lagos wird auch das „Venedig Nigerias“ genannt, denn er besteht vollständig aus Pfahlbauten. Damit endet aber auch schon die Ähnlichkeit mit der „Perle der Adria“.

Um den Kindern in seinem Herkunftsviertel zu helfen, hat der Architekt Kunlé Adeyemi eine ganz besondere Schule entworfen – eine Schule, die auf Plastikkanistern schwimmt. Auf diese Weise können Hochwasser und Überschwemmungen den Schulbesuch nicht mehr verhindern.  Doch die Makoko Floating School ist nicht nur eine einfache Schule, sie ist auch als Gemeinschaftsraum gedacht. Mehrere solcher Bauten könnten aneinandergereiht sogar ein ganzes Dorf bilden.  Nachfolgend findet sich eine Kurzvorstellung des Gebäudes. Wer mehr darüber erfahren will, kann sich hier eine ausführliche Beschreibung von Kunlé Adeyemi anschauen.

 

 

Metropolen und Mikrostaaten – der Traum einer Stadt auf dem Meer kommt in Bewegung

 

Natürlich gibt es auch Zukunftsdenker, die in weitaus größeren Kategorien denken: So hat der französische Architekt Vincent Caillebaut mit Lilypad kein schwimmendes Haus oder eine schwimmende Siedlung entworfen, sondern eine regelrechte Metropole, die bis zu 50 000 „Umweltflüchtlinge“ aufnehmen kann. Zu dieser „Ökopole“, wie er sie nennt, wurde er unmittelbar von den Blättern der Amazonas-Riesenseerose (engl. lilypad) inspiriert. Der Rumpf dieses Riesenschiffs aus Polyesterfaser mit Titanbeschichtung könnte mittels Photokatalyse sogar die Luftverschmutzung reduzieren.

Sollte Lilypad eines Tages wirklich gebaut werden, wäre das schwimmende Eiland energieautark, denn es würde vollständig mit Wind-, Solar-, Gezeiten- und Thermalenergie betrieben.  Zwergstaaten wie Monaco, Singapur oder Hongkong könnten damit ihr Staatsgebiet ausweiten – oder aber die schwimmende Stadt lässt sich völlig unabhängig von den Strömungen des Ozeans treiben. 

 

Insofern würde Lilypad perfekt zum Projekt des Seasteading Institute passen. Dieses Institut setzt sich unter der Federführung von Patri Friedman, dem Enkel des liberalen Wirtschaftswissenschaftlers Milton Friedman, für den Bau schwimmender Städte ein, die unter keiner staatlichen Hoheit stehen, weil sie in internationalen Gewässern treiben. Theoretisch könnten diese Mikrostaaten als Versuchslabore für die Entwicklung neuer Herrschaftsstrukturen fungieren. Falls diese Bewegung an Zulauf gewinnt, könnte sie das weltweite politische System gründlich umkrempeln.