Vernetzte Objekte

„Möbel aus dem 3D-Druck für eine hyperlokale Produktion“, Sylvain Charpiot

Ein Drucker, mit dem man Stühle aus einem Guss fertigen kann? Das ist die kühne Vision von Drawn, dem gemeinsamen Projekt eines Ingenieurs und eines Designers, die ihr Wissen und ihre Kreativität ganz in den Dienst der 3D-Innovation gestellt haben. Sylvain Charpiot und Samuel Javelle wollen das Interesse an dieser „DIY“-Technologie wecken und bieten nach Wunsch individuell gestaltbare Möbel an, die gleich um die Ecke gedruckt werden können…

Sylvain Charpiot ist Ingenieur und Unternehmer. Nach mehreren Jahren im Ausland kehrte er nach Frankreich zurück und studierte noch einmal, um sich seiner Leidenschaft – den Möbeln – zu widmen.

Samuel Javelle ist Produktdesigner und Forscher. 2011 gründete er „FabLab“, die „Fabrik für freie Objekte“ in Lyon, wo er Sylvain Charpiot kennenlernte.

 

Zusammen stürzten sie sich in ihr gewagtes Drawn-Abenteuer: Möbelstücke per 3D-Druck fertigen.

 

Wie ist die Idee zu Drawn entstanden?

Sylvain : Kennengelernt haben wir uns im „FabLab“ in Lyon. Wir haben verschiedene Hintergründe, die sich aber gut ergänzen. Sylvain ist ausgebildeter Ingenieur, hat sich aber schon immer für Inneneinrichtung interessiert. Samuel ist Designer und Forscher. Er ist für den künstlerischen Teil des Projekts zuständig. Wir sind ein junges Start-up, wir haben uns ja erst vor wenigen Monaten zusammengetan! Drawn entstand im Juni 2014 und wurde durch die Maker Faire (die vom 21. bis 22. Juni im Kulturzentrum Cent Quatre in Paris stattfand, Anm. d. Red.) bekannt. Dort erhielt Drawn sieben Auszeichnungen für Originalität und Einfallsreichtum. Da wir so schnell damit bekannt geworden sind, konnten wir unserer Technologie in ganz Frankreich vorstellen. Wir sind zwar noch jung, doch wir haben schon eine echte Fangemeinde. Immer wieder bekommen wir Fotos von unseren Möbelstücken in Wohnungen zugeschickt.

 

 

Kernstück eures Start-ups ist der enorme Drucker, Galatea. Würdet Ihr uns den vorstellen?

Sylvain : Galatea ist der Dritte in unserer Runde. Unser Drucker nimmt eine Fläche von 12m2 ein, sein Roboterarm ist 2,55m lang. Die Konstruktion war eine echte Herausforderung. Der 3D-Druck steckt noch in den Kinderschuhen. Zurzeit gibt es vor allem kleine Drucker, die meist recht dünne Objekte drucken. Wenn man einen Stuhl druckt, dauert das mehr als eine Woche. Wir wollten aber einen Stuhl in wenigen Stunden produzieren. Dafür brauchten wir Galatea. Mit diesem Drucker können wir Möbelstücke in ihrer tatsächlichen Größe drucken. Heute können wir so beeindruckende Objekte herstellen wie die 1 Meter hohe Vase in Knitteroptik, die nur so gefertigt werden konnte.

Aus welchen Werkstoffen bestehen eure Möbel?

Samuel : Wir drucken mit ABS-Kunststoff. Wir arbeiten auch daran, natürliche Werkstoffe zu integrieren: Holz, Flachs oder Hanf können zum Druck von reinen Deko-Elementen genutzt werden. Diese Materialien sind empfindlich und können nicht mit mehreren hundert Kilo belastet werden. Es muss noch viel in Forschung und Entwicklung investiert werden, damit natürliche Werkstoffe im 3D-Verfahren stabil werden.

Die Möbelstücke sind alle aus ABS, und wir drucken zu 100% recycelbar. Wir können einen Stuhl einschmelzen und aus dem Material etwas Neues drucken!

 

Was macht die Drawn-Möbel einzigartig?

Sylvain : Die Möbelstücke werden auf Anfrage erstellt, können vollkommen individuell gestaltet werden und zeichnen sich durch ihre Schlichtheit aus. Das veranschaulicht auch unser Slogan sehr gut (auf Deutsch etwa „Sie zeichnen, wir drucken!“ – A. d. Ü.). Derzeit entwickeln wir übrigens eine App, die noch 2015 auf den Markt kommen soll und mit der man die Größe, Form und Farbe des Objektes auswählen kann. Vor allem aber sind wir stolz, dass unsere Möbel lokal gefertigt werden.

 

 

Was hat euch dazu geführt, „hyperlokal“ zu produzieren?

Sylvain & Samuel : Sylvain hat mehrere Jahre im Ausland im Outsourcing gearbeitet und wollte sich nun wieder auf das „Made in France“ zurückbesinnen. Wir sind davon überzeugt, dass wir in unserem Land Arbeitsplätze schaffen müssen, gerade wenn wir vor wirtschaftlichen, gesellschaftlichen aber auch ökologischen Problemen stehen. Durch die „hyperlokale“ Produktion hinterlassen unsere Möbel einen geringeren CO2-Fußabdruck. Außerdem werden die Möbel ganz in der Nähe der Menschen produziert, von Angestellten aus dem eigenen Umfeld. Grundgedanke dabei ist es, die Produktionskette zu verkürzen.

Die logistischen Drehscheiben befinden sich in den Randgebieten der Großstädte. Wir wollen gegen den Strom schwimmen und in den Stadtzentren mit dem 3D-Druckverfahren produzieren.

 

Welche Grenzen gibt es beim 3D-Druck? Könnt Ihr die Form des Möbelstücks vollkommen frei bestimmen?

Sylvain : Wir nutzen das Schmelzschichtverfahren (Fused Deposition Modeling). Einschränkungen bei der Formgebung sind uns also durch das Material selbst wie auch den 3D-Druck gegeben. So muss beispielsweise jede Schicht über die vorhergehende gedruckt werden. Man kann also das Material nicht beliebig überall verteilen. Beim Abkühlen erstarrt das Material, was zu Problemen führen kann, wenn zu viele große Achsen geradlinig sein sollen. Deshalb nutzen wir für unsere Möbel vor allem runde Formen und Wölbungen.

 

Ist der 3D-Druck der Zukunftsmarkt schlechthin?

Samuel : Es ist ein wachsender Markt und die Projekte sind vielversprechend. Dennoch gibt es auch noch Widerstand und Zweifel gegenüber dieser Art der Produktion, gerade in Frankreich. In Showrooms für 3D-Druck werden wir zum Beispiel immer wieder gefragt, ob man sich auf unsere Stühle auch setzen kann! Wir haben die Sitzmöbel getestet: Bis zu 300 kg halten sie aus. Es gilt also noch einige Barrieren in den Köpfen abzubauen. Unser Drucker Galatea wurde gebaut und nun ist es an uns, Überzeugungsarbeit zu leisten und einen Markt in Frankreich zu erschließen. In einigen Jahren werden wir hoffentlich in verschiedenen Städten in Frankreich einen Galatea-Drucker stehen haben. Nur so können wir unser Versprechen des hyperlokalen Drucks einlösen. Wir wollen die Leute zum Umdenken bringen. Wir hoffen, dass sich der 3D-Druck durchsetzt und etwas völlig Normales wird!

 
Claire Duizabo