Robotik

Mensch und Maschine schon heute verschmolzen - Interview mit Stefan Greiner

Ein Cyborg ist ein Mensch, in dessen Körper technische Geräte integriert werden. Ursprünglich gedacht als Ersatz oder zur Unterstützung nicht ausreichend leistungsfähiger Organe, gehen die Anwendungen heute bis zur beliebigen Leistungssteigerung des Gehirns. Sind wir Menschen noch als rein biologische Wesen zu begreifen oder sind wir schon heute zu stark mit der Technik verwachsen? Wo liegen die Grenzen? Interview mit Stefan Greiner vom Verein Cyborgs.

Ende 2013 gegründet, bietet der Verein Cyborgs e.V. eine Plattform für alle Interessierten im Bereich der Mensch Maschine Verschmelzung. Bei den regelmäßigen Treffen in Berliner Hackerspaces werden neben Vorträgen, Workshops und Diskussionsrunden zum Thema Cyborgism auch Prothesen, Implantate und Devices gehackt und neue Entwicklungen auf open-source-Basis vorangetrieben. Neben Soft- und Hardwarespezialisten sind auch Geisteswissenschaftler, Künstler und  Journalisten unter den Mitgliedern. Neben den konkreten Hackingprojekten hat sich der Verein zum Ziel gesetzt, die aktuell nur in vorwiegend akademischen Kreisen diskutierte Mensch-Maschine Zukunft in der Öffentlichkeit voranzutreiben und den medialen Diskurs im Sinne der Cyborgs, als Träger von Implantaten und Nutzern von Wearables zu führen. Neben der grundsätzlich bejahenden Einstellung eines über Technologie erweiterten Menschen setzen die Mitglieder sich hauptsächlich kritisch über aktuelle, gesellschaftliche Tendenzen und damit Verwertungsmechanismen dieser Verschmelzung auseinander.

Stefan Greiner schreibt momentan neben Biohackerlaboren und hacktivistischen Aktivitäten ein Buch über das "Menschenbild im Cyborgzeitalter". Nach seiner elektrotechnischen Ausbildung studierte er an der TU Berlin Human Factors/Mensch-Maschine Interaktion und war dort im Forschungsbereich an der Schnittstelle zwischen Mensch und Computer tätig. Er ist Gründungsmitglied des Cyborgs e.V. und experimentiert als Bodyhacker mit erweiterten Sinneswahrnehmung.

 

Was verstehen Sie unter einem Cyborg?

 

Cyborgs gehen eine sehr tiefe Verschmelzung zwischen Biologie und Technologie ein, sie sind wie das Wort “Cyborg” bereits sagt, teils kybernetisch, teils organisch. Cyborgs sind Menschen, die ihre physischen und mentalen Fähigkeiten mit Hilfe von Technologie erweitern. Speziell die erweiterte Sinneswahrnehmung stellt für mich den spannendsten Punkt dar. Die technologische Erweiterung kann implantiert sein, muss aber nicht und sie kann auch über einen intensiven Gebrauch externer Devices geschehen.

 

Wie ist die deutsche Cyborg-Szene im Vergleich zu anderen Ländern aufgestellt?

 

In letzter Zeit bekommen wir immer mehr Anfragen und interessierte Zuschriften aus ganz Deutschland bzw. dem deutschsprachigen Raum. Neben den Treffen in Berlin trifft sich mittlerweile auch schon eine Gruppe in Düsseldorf zu Cyborg Meetings. Die Szene insgesamt, zumindest was das aktive Diskutieren und Hacken angeht, ist jedoch überschaubar. Neben Gruppen aus anderen Ländern, die ihren Schwerpunkt eher im künstlerischen oder im stark technischen Bereich haben, fahren wir einen eher zweigleisigen Weg. Neben der Frage wie wir uns eine zukünftige Cyborg Gesellschaft vorstellen, also dem Fokus auf Politik und Gesellschaft, beschäftigen wir uns mit neuen Sichtweisen und Entwicklungen was die Mensch Maschine Schnittstelle angeht.

 

Welche Cyborg-Projekte gibt es in Deutschland? 

 

Es gibt ganz unterschiedliche Projekte. Angefangen bei Hacks, die implantierte Magnete im Finger dazu nutzen um Smartphones zu steuern und Anrufe entgegenzunehmen, experimentieren wir auch mit kleinen implantierten Chips, auf denen man kleine Datenmengen abspeichern kann und über Funkkontakt technische Geräte steuern kann. Wir haben auch vor, ein Cochlea Implantat so zu hacken, dass damit Ultraschall wahrnehmbar wird. Womit wir noch nicht viel gemacht haben, was aber auch spannend ist, sind Beinprothesen die über Bluetooth kommunizieren und somit prinzipiell auslesbar und modifizierbar sind.

 

Verfolgen Sie ein persönliches Cyborg-Projekt?

 

Nach dem Buch habe ich vor, im Bereich der “sensory augmentation” zu promovieren, mit einer kognitiven Untersuchung der Frage, wie das Gehirn seine Strukturen an eine erweiterte Sinneswahrnehmung anpasst. Innerhalb dessen und in Zusammenarbeit mit einem guten Freund bin ich gerade dabei eine haptische Sprache zu entwickeln. Mein momentanes Cyborg-Projekt geht also dahin, die menschliche Kommunikation über zusätzliche Kanäle zu erweitern.
Neben diesem eher länger angelegten Promotionsprojekt, bin ich gerade dabei meinen im Finger implantierten Magneten auf verschiedene Art und Weisen zu benutzen. Erst heute hatte ich mein erstes Telefongespräch über meinen Finger am Ohr. Ich übertrage dabei den Anrufer/seine Stimme über Induktion auf meinen magnetischen Finger und höre ihn dann direkt aus meinem Finger kommend.

 

Wie stellen Sie sich die Cyborg-Szene in 50 Jahren vor?

 

Ich denke wir sollten nicht von einer “Szene” sondern eher von einer Gesellschaft sprechen. Das Wort Szene impliziert für mich eine eher abgegrenzte Gruppe von Leuten, die sich mit einer speziellen Thematik oder Ideologie beschäftigen. Meiner Meinung nach sind wir auch heute schon so stark mit der Technik verwachsen, dass wir uns nicht mehr losgelöst als rein biologisches Wesen begreifen können. Was die Gesellschaft in 50 Jahren angeht, habe ich entweder ein sehr stark dystopisches Bild von NSA- gesteuerten Mischwesen oder eher ein utopisch gestimmtes Bild. Bei dem zweiten stelle ich mir eine stark diverse Gesellschaft vor, in der über kollektive Schwarmintelligenzen ein komplett neues Naturverständnis im Kopf erzeugt wird, je nachdem, wie wir heute unsere gesellschaftliche und systemische Grundlage gestalten.

 

Wo sehen Sie Gefahr und Grenzen der Verschmelzung von Mensch und Maschine?

 

Ich sehe überhaupt keine Gefahr und keine Grenzen in der Verschmelzung von Mensch und Maschine. Ganz im Gegenteil, ich denke es ist ein natürlicher und evolutionär begründeter menschlicher Gang. Ich bin jedoch höchst skeptisch was den Nährboden, also die gesellschaftliche Grundlage angeht, auf der sich diese Verschmelzung vollzieht. Wenn also vielmehr die Optimierung des Menschen in einer Leistungssteigerungsgesellschaft und nicht die freiheitlich orientierte Persönlichkeitsentwicklung im Vordergrund stehen, würde ich eine konkrete Gefahr sehen. Die vorherrschenden Menschenbilder, Moralvorstellungen und normativen Grundstrukturen einer Gesellschaft bestimmen, wie wir die an sich neutrale Technik für uns zu Nutze machen und welche Identität wir in der fortschreitenden Mensch-Maschine Verschmelzung finden. Genau aus dieser Sicht heraus besteht der dringende Bedarf, diese, unsere Zukunft auf einer gesamtgesellschaftichen Ebene zu diskutieren.

 

Diskutieren Sie mit: BARCAMP, Samstag den 21. Juni 2014 in Berlin
 

 

Was macht uns zum Cyborg? Sind es schon Sensoren die wir im Smartphone mit uns tragen, mit denen wir Körperfunktionen überwachen? Oder müssen diese fest mit dem Körper verbunden, implantiert sein? Beginnt der Cyborg gar erst, wenn wir im Alltag auf Technik angewiesen sind, um voll am täglichen Leben teilhaben zu können?

Der Cyborgs e.V. sucht nach Antworten. Um dieses vielschichtige Thema aus verschiedenen Perspektiven angehen zu können, veranstaltet der Verein ein BarCamp. Interessierte Cyborgs (in spe) und Nicht-Cyborgs unterschiedlichster Professionen sind eingeladen, mit ihnen zu diskutieren und an einem Bild des Cyborgs zu arbeiten.

 

Wann: Samstag, 21. Juni 2014 von 10.00 bis 18.00 Uhr
 

Wo: Wikimedia Berlin, Tempelhofer Ufer 23-24, 10963 Berlin  
 

Alle weiteren Informationen und Anmeldung unter: www.cyborgs.cc

 

Sehen Sie die Reportage "Cyborg: Zwischen Mensch und Maschine" Samstag um 13.15 Uhr in FUTUREMAG auf ARTE: