Gesundheit

KrioRus: „Ärzte müssen Kryonik gleichberechtigt mit herkömmlichen Behandlungsmethoden anbieten“

Sendung vom 30. Mai 2015

Sie haben vielleicht in der Presse mitbekommen, dass die 2-jährige Thailänderin Matheryn Naovaratpong am 20. April „eingefroren“ wurde. Doch wie funktioniert Kryonik wirklich? Obwohl man das „Einfrieren“ von Menschen nach dem Tod eher aus Science-Fiction-Filmen kennt, ist es heute bereits Realität. Die beiden Unternehmen KrioRus und Alcor setzen sich schon seit einigen Jahren dafür ein, die Methode der breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Futuremag hat Zuschauerfragen zu dieser ideologisch motivierten Bewegung gesammelt, laut der weltweit bereits 120 Menschen kryokonserviert wurden, und diese dann an KrioRus-Mitbegründer Danila Medwedew weitergegeben.

@bitr3b3l: Wie wirkt sich die Kryokonservierung auf die biologischen Prozesse im Menschen aus? Altert er trotzdem?

Danila Medwedew: Die Kryonik hat keine großen Auswirkungen auf den menschlichen Körper, die Zellzusammensetzung wird dabei nicht verändert. Sämtliche chemischen Reaktionen werden angehalten. Es passiert überhaupt nichts mehr. Es gibt keinen Metabolismus mehr. Alles ist eingefroren, als wäre die Zeit angehalten worden. Der einzige möglicherweise sichtbare Effekt ist eine leichte Veränderung der Hautfarbe eines Menschen.

@faddeii: Zerfällt die DNA mit der Zeit?

D.M.: Nein, die DNA ist unser geringstes Problem, weil sie im Körper in großen Mengen vorhanden ist. Unsere Hauptsorge gilt dem Gedächtnis. Aus wissenschaftlicher Sicht ist das Gedächtnis eine Abfolge von Synapsen zwischen den Neuronen, und diese gilt es zu erhalten.

 

Die Gehirnzellen und die Proben, über die wir verfügen, beweisen, dass die Strukturen erhalten bleiben. Gewisse Kollateralschäden dürften zu erwarten sein, doch wir sind zu 99 % sicher, dass das Gedächtnis erhalten bleibt.

 

@faddeii: Wie lange kann die Kryokonservierung andauern?

D.M.: Heute brauchen wir uns um die Aufbewahrungsdauer nicht zu sorgen. Die ersten Kryokonservierungen wurden in den 1960er Jahren durchgeführt. Heute kann man ziemlich sicher sein, dass Menschen langfristig konserviert werden können. Die Techniken und Technologien werden immer besser, weshalb wir davon ausgehen, dass wir bis 2050/2060  die Möglichkeit haben,  Menschen für Millionen von Jahren aufbewahren zu können.

@louisebrst: Ist Kryonik ausschließlich für Menschen gedacht?

D.M.: Nein, das Verfahren gibt es auch für Tiere. Die ersten wissenschaftlichen Versuche wurden übrigens an Tieren durchgeführt. Verschiedene Tierarten können in einem „gefrorenen“ Zustand überleben, zum Beispiel die Waldfrösche in arktischen Gebieten.

 

Besitzer, die sehr an ihren Tieren hängen und diese für immer behalten möchten, greifen gern auf Kryonik zurück. So haben wir bei KrioRus Vögel, Hunde, Katzen, einen Chinchilla, eine Maus und einige exotische Tiere konserviert.

 
 

@Echopteryx: Wo werden die Körper aufbewahrt?

D.M.: Unsere Lagereinrichtungen befinden sich vor den Toren von Moskau. Die Körper werden in großen Kryonik-Silos aufbewahrt. Man kann sie sich wie riesige Thermoskannen vorstellen, in deren Inneren die Körper in -200°C kalten flüssigen Stickstoff getaucht werden. Die gesamte Kryonik basiert auf Stickstoff. Unabhängig von der Außentemperatur gibt es innerhalb des Silos keine Schwankungen. Das System ist also nicht auf Elektrizität angewiesen, was eventuelle Schäden durch Stromausfälle ausschließt. Wir müssen lediglich einmal im Monat flüssigen Stickstoff nachfüllen. Für die Zukunft hoffen wir, ein System einführen zu können, das ohne äußeres Eingreifen selbstständig für Stickstoffnachschub sorgt.

@Niktareuss: 12 000 $ für die Konservierung eines Gehirns, 200 000 $ für den gesamten Körper… Die Kryokonservierung ist und bleibt teuer. Wann werden Ihrer Meinung nach die Preise soweit sinken, dass auch weniger Betuchte sich das leisten können?

D.M.: Die Preise werden sinken, je mehr Menschen sich kryokonservieren lassen. Aber ich würde nicht sagen, dass es heute teuer ist. Wenn man die Kosten für ein Gehirn betrachtet, so bleibt dessen Konservierung erschwinglich, und wenn man sich rechtzeitig darum kümmert, kann man sich das locker leisten. Man muss einfach vorausdenken. Übrigens sind viele unserer Kunden nicht besonders reich.

 

Kryonik ist zwar teurer als eine herkömmliche Bestattung, aber man muss die Kosten im Verhältnis sehen. Wenn jemand unter einer tödlichen Krankheit leidet, muss er viel Geld für medizinische Behandlungen aufbringen - seine gesamten Ersparnisse. Kryonik gibt es noch nicht besonders lange, weshalb die Patienten eher herkömmliche Methoden wählen. Doch sie sollte als echte medizinische Alternative angeboten werden, so dass die Patienten sich bewusst dafür entscheiden können, in Kryonik zu investieren. Das Problem liegt in der mangelhaften Aufklärung.

 

Die Ärzte haben nicht genug Zeit, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen und eine Kryokonservierung als mögliche Behandlung vorzuschlagen. Wir haben uns die Zeit genommen, unsere Arbeiten namhaften Wissenschaftlern und Ärzten vorzustellen, deren Reaktionen stets positiv waren. Das beweist, dass das wahre Problem ein Mangel an verlässlichen Informationen ist.

 

@Niktareuss: Das amerikanische Unternehmen Alcor bietet die gleichen Dienstleistungen an wie Sie. Gibt es Unterschiede? Warum existieren keine ähnlichen Gesellschaften in Europa?

D.M.: Es ist sehr schwierig, ein Unternehmen rund um Kryonik aufzubauen. Die meisten, die versucht haben, ein System einzurichten, haben schon in den Anfängen aufgegeben. Wir haben die Erfahrung gemacht, bei null anzufangen und alles selbst geschaffen, dafür braucht man viel Geschick und Zeit. Das schafft man nicht in zwei Monaten.

 

Wir haben vor, eine europäische Gesellschaft für Kryonik zu gründen. Die technischen Anlagen würden in der Schweiz eingerichtet werden. Dahinter steht der Gedanke, dass die Körper dann an uns weitergeschickt werden können. Wir hoffen, diese Gesellschaft in den nächsten ein bis zwei Jahren gründen zu können. Das ist einer unserer Unterschiede zu Alcor. Die Amerikaner kümmern sich nicht darum, was außerhalb ihres Landes geschieht. Sie sind nicht besonders motiviert.

@Echopteryx: Wie sieht es mit den Rechten der kryokonservierten Personen aus? Was passiert, wenn KrioRus Konkurs anmelden muss?

D.M.: Sollten wir jemals in finanzielle Schwierigkeiten geraten, würden wir dies den Angehörigen mitteilen, damit sie uns unterstützen können. Am kostenaufwändigsten für uns ist nicht etwa die Konservierung der Menschen, sondern die Verwaltung und die Forschung. Ich denke, wir müssen zugeben, dass wir vor Herausforderungen stehen werden, die viel Arbeit erfordern.

@Echopteryx: Ist eine Art „Wiedereingliederungsprogramm“ für Menschen geplant, die aus der Kryokonservierung „erwachen“ und auf einmal mit einer ganz anderen Gesellschaft konfrontiert sind?

D.M.: Wir arbeiten daran. Wir forschen sehr intensiv im Bereich virtuelle Realität, um den Menschen zu helfen und ihnen zu erklären, was in der Zwischenzeit passiert ist. Der Übergang muss sanft vor sich gehen, um die Leute nicht zu brüskieren, die im post-humanen Zeitalter aufgetaut werden.

 

Neben dieser Überlieferung wird es auch neue Möglichkeiten geben, das Gehirn zu kontrollieren und zu beeinflussen, zum Beispiel durch von Neurochirurgen eingesetzte Implantate. Wenn jemand feststellt, dass er sich langfristig nicht eingewöhnen kann, hat er zwei Möglichkeiten: weiterhin in der virtuellen Realität zu leben oder, im schlimmsten Fall, sich umzubringen.

@YV_ArBrusk: Was verstehen Sie unter „post-human“?

D.M.: In den meisten Science-Fiction-Filmen hat sich in der Zukunft die Umwelt verändert, es gibt Raumschiffe etc. Am interessantesten ist jedoch der menschliche Körper. In dieser Hinsicht ist die Filmreihe Twilight ein gutes Beispiel, das ein positives Verhältnis zum „Post-Humanen“ zeigt. Die menschliche Heldin Bella nimmt es schon zu Beginn der Saga in Kauf, jung zu sterben, um dafür ewig zu leben. Sie sagt:

 

„Ich bin bereits am Sterben. Jeden Tag, jede Sekunde, rückt der Tod näher. Ich altere.“

 

Filme wie dieser oder auch Divergent – Die Bestimmung zeigen eine Weiterentwicklung des Verhältnisses zum Körper, eine Art der Akzeptanz.

 

Der Mensch der Zukunft wird sich von dem der Gegenwart stark unterscheiden. Er wird eine Menge Veränderungen erleben. Er wird seinen Körper, sein Gehirn, seine Denkweise verändern können … Alles kann sich ändern! Wenn Sie sich heute eine Frage stellen, so können Sie eine künstliche Intelligenz wie Siri von Apple um Antwort bitten. Solche Dinge könnten sich direkt in Ihrem Kopf abspielen, in einer internen Kommunikation mit der künstlichen Intelligenz. Heute können sogar Organe in 3D gedruckt werden, was eine wichtige Entwicklung hin zu einer besseren Zukunft sein kann. Sie können sich selbst ebenso „modernisieren“, wie Sie das mit Ihrem Haus tun.

 

Immer mehr Menschen wagen den ersten Schritt in Richtung Kryonik. Ich denke nicht, dass wir in den kommenden Jahrzehnten große Ablehnung zu erwarten haben.

von Camille Giquel