Netzkultur

Digitaltechnik: Wenn Museen mit erweiterter Realität experimentieren

Wer hat schon davon geträumt, einmal ein Kunstwerk oder Gemälde von innen zu erkunden? Immer mehr Kunstwerke werden digitalisiert und sind somit leichter zugänglich, doch dadurch ändert sich auch die Erwartungshaltung des Publikums.

Die Zeit verstaubter und statischer Museen ist vorbei, auch in diesen heiligen Hallen haben Innovationen Einzug gehalten. Zahlreiche Projekte bringen Besucher und Kunst einander im wahrsten Sinne des Wortes näher. Ein Rundgang durch Museen, die mit digitalen Techniken arbeiten, um ihren Besuchern ein virtuelles Erkunden der Kunstwerke zu ermöglichen.

 

Eine Reise durch Raum und Zeit per App

 

Antike live in der Barnes Foundation

Seit dem 7. September bietet die berühmte Barnes Foundation in Philadelphia (Pennsylvania) dem Besucher mehr Teilnahmemöglichkeiten als je zuvor. Die Sammlung des Museums umfasst Werke aus der Antike bis in die Jetztzeit und eine neue App, die sowohl im Gebäude selbst als auch von außerhalb verwendet werden kann, wendet sich besonders an das junge Publikum. „Keys to the Collection“ (Schlüssel zum Verständnis der Sammlung) wurde von der School Education of Drexel University (Lehrstuhl für Grundschullehramt der Universität Drexel) entwickelt. Der Touchscreen arbeitet mit 3-D-Grafiken und das System folgt einer einfachen Grundidee. Die Nutzer können jederzeit  die im Museum ausgestellten Kunstwerke im Detail ansehen und „von innen“ erkunden.

 

Die Tate Gallery  besichtigen – mit Hilfe von Robotern

 

Im Sommer konnten Surfer im Internet das Kunstmuseum Tate Britain besichtigen. Möglich wurde das dank des Projekts „After dark“ des Londoner Studios The Workers, das mit dem IK Prize 2014 ausgezeichnet wurde. Die User steuern über das Internet vier Roboter, die von Mitternacht bis fünf Uhr morgens durch das Museum streifen. Mit Hilfe einer Kamera und eines Orientierungssystems, das verhindert, dass sie sich verirren, bahnen sich die Roboter ihren Weg – vorwärts und rückwärts –, sie bücken sich und zoomen Details heran, ohne die Kunstwerke dabei zu berühren oder zu gefährden.

 

 
Die Arena von Nimes in 3-D
 

3-D-Scanner und -Kameras sowie -Laser bieten den Besuchern seit Juni 2014 die Möglichkeit einer „erweiterten“ Besichtigung der Arena von Nimes. Mit dem „Visioguide“ kann man sich auf Zeitreise begeben, bis zurück in die Bauzeit.  Stufenstruktur, neue Wege in der Architektur - jede einzelne Epoche wird perfekt nachgebildet, als wäre man  dabeigewesen. Ein Rädchen steuert den Blick auf die Arena im Wandel der Zeiten. Das Gebäude entsteht vor den Augen des Betrachters, gestützt auf Audioguide, Videos und Bilder im HD-Format. Mit der über WLAN abrufbaren App taucht man tief in die Geschichte ein.

 

 

Strichcodes, RFID, Li-Fi – modernste Technik im Dienste der Kultur

 

QR-Codes im Nationalmuseum in Beirut

Im Sommer lud das Schloss von Fontainebleau zur spielerischen Entdeckung von achthundert Jahren französischer Geschichte ein – möglich wurde das durch QR-Codes. Diese Strichcodes werden in Museen immer häufiger verwendet, wie zum Beispiel im Nationalmuseum in Beirut. Für etwa fünfzig  Ausstellungsstücke stehen bereits eigene Codes zur Verfügung, bei deren Auslesen die Besucher direkt in eine virtuelle Realität entführt werden. Einfach das Tablet, Smartphone oder ein vom Museum zur Verfügung gestelltes iPad der Beschreibungstafel nähern, und die Tonspur sowie zusätzliche Kommentare starten von selbst – in der Muttersprache des Besuchers. Auf diese Weise wird der Museumsbesuch zum Spiel und das Publikum kommt den ausgestellten Werken näher. Ab 2015 ist das System auch in den Kellern des Museums verfügbar.

 

RFID-Chips in VilVite

Im norwegischen Bergen machte das VilVite-Zentrum für wissenschaftliche und technologische Entdeckungen mit mehr als 75 interaktiven Anwendungen auf 1 700 m² von sich reden. Jeder Besucher erhält dort einen RFID-Chip (Radio Frequency Identification), mit dem er zum Beispiel beim Springen seine Bewegung in Zeitlupe verfolgen, die Höhe messen oder sich seine Bewegungen analysieren lassen und zu Hause noch einmal ansehen kann. Daneben gibt es viele weitere Angebote, etwa die Analyse der eigenen Ernährungsgewohnheiten über das Füttern eines Roboters oder Erläuterungen zu Windgeschwindigkeit und Wetter. Die RFID-Chips basieren auf Radiowellentechnik und sind in diesem Fall kleine Anstecker mit Antenne, die in Verbindung mit einem Elektrochip mit einem Sensor kommunizieren.

 

 

Li-Fi im Aufbau

Lucibel feilt zur Zeit noch an seiner Idee, dem Publikum über das Beleuchtungssystem eines Museums Informationen zu Ausstellungsstücken auf Tablet oder Smartphone zu übertragen. Eine Kombination aus der LED-Beleuchtung und Light-Fidelity-Technologie (Li-Fi) wäre kostensparender und schneller als per WLAN und könnte Informationen zu einem Kunstwerk direkt auf den Geräten der Besucher anzeigen. Die Ortung über Li-Fi stellt sicher, dass die angezeigten Informationen stets zu dem betrachteten Werk passen.

 

12 Meter große Riesenbildschirme bringen Rubens und Picasso zusammen

 

Im Cleveland Museum of Art im US-Bundesstaat Ohio steht „Gallery One“, der größte Touchscreen des Landes. Auf 12,2 Metern Länge sind über 3.500 Werke aus der Dauerausstellung zu sehen. Jeder Besucher plant dank der „indoor localisation via triangulation“ seinen eigenen Parcours durch die Ausstellung. Außerdem kann man sein eigenes Gesicht über das von Picasso, Rodin oder Close legen, die Haltung der Modelle untersuchen oder ihre Geschichte nachvollziehen. Das interaktive Angebot umfasst außerdem den Vergleich  verschiedener Kunstwerke, eine Analyse ihrer Technik, Marionettentheater und Spielmodule. Auf teilweise rotierenden Bildschirmen werden live Kommentare und Aktivitäten von Besuchern angezeigt. Mit Hilfe einer Bilderkennungssoftware kann man zweidimensionale Objekte scannen und insgesamt etwa neun Stunden an zusätzlichen Erklärungen auf sein iPad oder ein vom Museum zur Verfügung gestelltes Tablet laden.

 

 

Ein Blick hinter die Neonbilder einer Stadt

 

Paris hat Culture Clic, London die Apps Streetmuseum und Londinium, nun bringt auch das kanadische Vancouver sein Projekt zur erweiterten Realität auf den Weg. Alle Projekte haben ein ähnliches Ziel, die Präsentation der Geschichte einer Stadt, ihrer Straßen und Viertel – anhand der Neonschriften. Die User stimmen über ihre Lieblingsorte ab oder erzählen über die Gratis-App „The visible City“ eigene Anekdoten. Während man ganz real die Stadt durchstreift, kann man sie zugleich virtuell entdecken, ohne sich in ein Museum begeben zu müssen. Gleichzeitig erfährt man in Audio- und Videoaufnahmen berühmter Persönlichkeiten, wie das Stadtviertel in den 50er, 60er oder 70er Jahren aussah. Kunst überall und jederzeit – das Internet verwandelt ganze Städte in Museen.

 

 

Lara Charmeil

 

Cover Foto : After Dark: roaming robot taking in Sir Jacob Epstein’s The Visitation, 1926 © Alexey Moskvin