Robotik

Assistenzroboter: Schluss mit Schmerzen bei der Arbeit?

Sendung vom 22. Oktober 2016 (Wiederholung)
Das sogenannte Repetitive Strain Injury-Syndrom (RSI-Syndrom) hat sich im Laufe der letzten 15 Jahre in europäischen Unternehmen immer stärker verbreitet, wie die französische Forschungseinrichtung Eurogip bestätigt. Zur Linderung von Schmerzen im Zusammenhang mit sich wiederholenden Bewegungsabläufen und zur Entlastung der Mitarbeiter werden in Fabriken immer mehr CoBots (engl. Cooperative Robots, Assistenzroboter) eingesetzt. Was können diese leisten und wo liegen ihre Grenzen? FUTUREMAG hat den Ergonom Jean-Jacques Attain-Kouadio vom französischen Institut für Gesundheit und Sicherheit am Arbeitsplatz (INRS) dazu befragt.

Was unterscheidet CoBots von herkömmlichen Robotern?

Im Gegensatz zu herkömmlichen Robotern sind CoBots Assistenzroboter und sitzen nicht im Käfig. Dadurch stehen Mensch und Maschine in wesentlich engerem Kontakt. Manche CoBots verfügen über Sensoren und arbeiten unmittelbar mit Menschen zusammen oder werden sogar von diesen angeleitet.

Wie können diese Roboter dem RSI-Syndrom vorbeugen?

Das RSI-Syndrom hat viele Ursachen, mache sind biomechanisch (repetitive Bewegungsmuster), andere organisationsbedingt. Auch zu kurze Erholungspausen oder psychosoziale Faktoren im Zusammenhang mit der Wahrnehmung der Arbeit können eine Rolle spielen. Beim Entgraten in der Hüttenindustrie zum Beispiel werden  Unebenheiten auf der Oberfläche der Teile entfernt. Dafür muss der Arbeiter das Metallteil anheben. Der CoBot leistet dabei Hilfestellung, wodurch die Arbeit für den Menschen körperlich weniger belastend wird. Ein gutes Beispiel für den Einsatz von Assistenzrobotern in Fabriken.

CoBots waren von Anfang an als Hilfskräfte für Arbeiter konzipiert. Sie sind in zahlreichen Industriebereichen zu finden, wo wiederkehrende und körperlich anstrengende Bewegungsabläufe zum Alltag der Belegschaft gehören, also in der Metallindustrie, Luftfahrt, Lebensmittelherstellung, Automobilindustrie usw.

Das Risiko für Fälle von RSI-Syndrom ist dort sehr hoch und die Assistenzroboter sollen dem vorbeugen. Doch sie sind kein Wundermittel. Die Unternehmen müssen auch die Veränderungen berücksichtigen, die sich aus ihrem Einsatz für den Arbeitsalltag ergeben. Daher arbeiten die Entwickler der Geräte mit den Unternehmen zusammen. Nach einer Testphase geben die Mitarbeiter ein Feedback ab und tragen so zur Verbesserung und optimalen Anpassung der Technologie bei.

Wo liegen die Grenzen für den Einsatz von Assistenzrobotern?

Die Assistenzroboter ziehen eine Veränderung der Arbeitsorganisation nach sich.
Jean-Jacques Attain-Kouadio - INRS

Wie bei jeder Maschine bestehen verschiedene Risiken: Kollisionen, Sicherheit, Beschleunigung des Arbeitstaktes … Der CoBot muss gut programmiert sein, um optimal mit dem Menschen zusammenzuarbeiten. Bei zu großen Anstrengungen besteht die Gefahr eines Unfalls oder einer Verletzung des Mitarbeiters. Man muss darauf achten, den Schmerz nicht einfach nur auf einen anderen Körperbereich, etwa den Hals oder das Handgelenk, zu verlagern. Die Unternehmen müssen wachsam bleiben. Ein Mensch, der mit einem Assistenzroboter zusammenarbeitet, muss seinen gesamten Bewegungsablauf bei der Arbeit neu koordinieren. Daher sollten Fortbildungen zu einer entsprechenden Körperhaltung eingeplant werden.

 

Die CoBots, die in unterschiedlichen Größen erhältlich sind, bringen Veränderungen des Arbeitsumfelds mit sich. Wie können sich die Unternehmen entsprechend anpassen?

Wie jede technische Vorrichtung ziehen die Assistenzroboter eine Veränderung der Arbeitsorganisation nach sich. Sie bilden eine neue Schnittstelle zwischen Menschen und Maschine, und manche Gewohnheiten müssen dem angepasst werden. Beim Entgraten, um auf das Beispiel zurückzukommen, nimmt der Roboterarm einen gewissen Raum in Anspruch. Für den Arbeiter ändert sich die Art und Weise der visuellen Überprüfung der Metallqualität. Er muss umdenken und seinen Arbeitsablauf an die Präsenz des Roboters anpassen. Die Unternehmen müssen das bei der Einführung von Assistenzrobotern berücksichtigen und von Anfang an Lösungen vorschlagen.

Nehmen die Mitarbeiter diese neue Art von Roboter immer gut auf?

Wie jedes neue Gerät kann auch ein CoBot erst einmal Vorbehalte wecken. Die Arbeit wird immer stärker automatisiert, und beim Mitarbeiter kann der Eindruck eines Kontrollverlusts entstehen. Das wird leicht übersehen. Und genau hier liegt die größte Herausforderung bei der Zusammenarbeit von Mensch und Maschine. Heute gibt es noch nicht genug wissenschaftliche Untersuchungen zu den Auswirkungen von CoBots auf die Gesundheit. Das INRS hat einige Warnungen herausgegeben; die Zukunft wird zeigen, wie begründet sie sind.

 

Von Miléna Salci