Episode #11

Serien und Krimis: Autopsie einer Neugeburt

Fokus
Seit 60 Jahren sind Krimis der Gradmesser schlechthin für die Kreativität von Serien. Heute, wo sich immer mehr Ermittlungen über eine ganze Staffel erstrecken, wird die Funktionsweise des Krimis als solche hinterfragt.
Focus # 11
© Illustration : Isabel Seliger / Sepia

Am schwarzen Brett hängen drei Fotos, und jeder Schritt der Ermittlungen führt zu diesem Trio. Über den Notizen, Bildern, Pfeilen und Fragezeichen steht in fetten Buchstaben folgender Satz: “Wie lässt sich die Krimiserie erneuern?” Seit mehreren Wochen versuchen wir herauszufinden, wo sich das Genre der Krimiserie hinentwickelt, und stoßen dabei immer wieder auf diese drei Figuren: den (professionellen oder laienhaften) Ermittler, den Verbrecher und das Opfer.

Wären Serien Tatorte, würde der ermittelnde Beamte schnell feststellen, dass diese drei von Anfang an präsent waren. In mehr als sechzig Jahren Seriengeschichte spielte die Aufdeckung von Verbrechen seit jeher eine wichtige Rolle – vor allem, wenn es darum ging, neue Formate auszuprobieren: von Fällen, die in einer Folge aufgeklärt werden (“Columbo”), bis zu ultrakomplexen Ermittlungen, die sich über viele Folgen hinziehen (“The Wire”); von fortsetzungsartigen Formaten wie “The Shield” bis hin zu neuen Anthologien à la “True Detective”.

Alle schuldig?

Die Mechanik hat sich verändert

Ermittler, Verbrecher und Opfer mischen mit, seit es Serien gibt. Dazu braucht es Geschichten, die “ein Rätsel und dessen Aufklärung” geschickt miteinander kombinieren, wie Drehbuchautor Olivier Dujols (“Falco”) erklärt. In den letzten Jahren haben sich die Dinge jedoch spürbar verändert. “Viele Zuschauer verlangen eher nach Fortsetzungsserien als nach Fällen, die in einer Folge abgeschlossen sind”, so Dujols. “Die Autoren produzieren somit nicht mehr Woche um Woche eine Ermittlung. Die Mechanik hat sich verändert.”

Die Gewohnheiten ändern sich, und unser Trio muss sich neu erfinden. Lionel Olenga, einer der Autoren von “Chérif”: “Bei einer Serie wie Broadchurch wird zunächst gezeigt, wie eine Gemeinschaft oder eine Gruppe von Individuen funktioniert.” Die Schuld trifft nicht mehr nur einen einzelnen. Ganz im Gegenteil. Menschliche Tragödien sind genauso wichtig, wenn nicht wichtiger, als das Verbrechen.

Allzu menschlich

“Für mich ähneln Serien wie The Missing oder Thirteen dem, was Frank Miller im Comic macht”, so Olenga weiter. “Wenn Miller Superhelden entwirft, fragt er sich, was wirklich passieren würde, wenn eine ganz normale Person außergewöhnliche Kräfte bekäme. In besagten Serien ist es ganz genauso: Wirklich im Detail untersucht werden die Kollateralschäden, die durch das Verschwinden bzw. das Wiederauftauchen eines Kindes verursacht werden. Die Polizeiermittlung dient ganz offensichtlich nur als Vorwand. In Broadchurch sind die persönlichen Elemente viel wichtiger als der Krimi.”

In der ersten Staffel von “Broadchurch” verläuft die Ermittlung nicht immer ganz logisch

Das Opfer steht im Mittelpunkt, der Ermittler rackert sich ab. In der ersten Staffel von “Broadchurch” verläuft die Ermittlung nicht immer ganz logisch. In “The Night Of” lässt die Polizeiarbeit schon nach der ersten Folge zu wünschen übrig. Und in Staffel 1 von “True Detective” sind laut Olivier Dujols “manche Ermittlungsphasen total bescheuert”.

Ungewisse Zukunft

Auch der Bezug zum Werk als solches verändert sich. Das Interesse ist während einer Staffel sehr groß, kann dann aber ganz plötzlich verpuffen, sobald der Fall gelöst ist – vor allem, wenn sich Personen und Ort der Handlung ändern. Der Verbrecher und die extremen Einschnitte, die seine Tat (Kindesmord, Entführung …) verursachen, konzentrieren ungewollt die Anziehungskraft der ganzen Serie auf sich. Man will wissen, verstehen. Bis zur Auflösung. Danach ist nichts mehr, wie es war.

“Ich fand die erste Staffel von Kommissarin Lund großartig. Echt! Aber am Ende war's das für mich. Ich hatte nicht mehr denselben Bezug zu der Serie wie zum Beispiel bei The Leftovers”, sagt Dujols.

Wie aber wird es weitergehen mit unseren drei üblichen Verdächtigen? Schwer zu sagen. Olivier Dujols: “In Frankreich wecken Miniserien wie Ne le dis à personne oder die geplante Adaption von The Fall ein gewisses Interesse.” Lionel Olenga geht davon aus, dass die Zukunft ebenso stark von der Entwicklung der Formate wie von der Evolution der Gesellschaft abhängen wird: “Ich bin gespannt, wie die amerikanischen Drehbuchautoren auf die Wahl von Trump reagieren werden.”

Und wir erst! Wir bleiben dran …


Nicolas Robert - Illustration von Isabel Seliger / Sepia für Episode